Hi eKy!
Vierzehn Zeilen. Sonett-Alarm!

Nun gehört das Sonett zu den Gedichten, die häufig als verhältnismäßig formstreng verkauft werden: Es müsse ein Gedicht, um Sonett heißen zu dürfen, partout 14 Zeilen umfassen, arrangiert in zwei Quartetten und zwei Terzetten. Ausnahmsweise dürfen, nämlich beim elisabethanischen Sonett, auch mal 14 Zeilen in drei Quartetten und einem Zweizeiler (Couplet) verwendet werden. Aber damit nicht genug: Es müsse, jedenfalls beim Sonett im engeren Sinne, die Silbenzahl pro Zeile 11 Silben umfassen (oder in umarmender Abfolge entsprechend dem Reimschema auch mal 11 oder 10 Silben). Damit immer noch nicht genug - das Reimschema wurde ja schon erwähnt: Ein Sonett habe demnach unbedingt dem Reimschema A-B-B-A / A-B-B-A / C-D-C / D - C- D zu gehorchen, mithin seien also nur zwei Reimendungen in den ersten 8 Zeilen erlaubt. Weil das den meisten Dichtern deutscher Zunge dann doch etwas zu mühsam war, waren ganz ausnahmsweise auch Sonette nach dem Schema A-B-B-A / C-D-D-C / E-E-F / G-G-F gestattet. Und die Regularien gehen munter weiter: Metrisch war nur der Jambus akzeptabel.
Eine einzige Regelquälerei.
Der mit eigenem Willen und denkendem Hirn gesegnete Leser fragt sich hier: Warum nur diese starren Vorschriften? Und die Antwort heißt ganz klar: Ei, um sie zu umgehen, zu dehnen und ganz und gar auf den Kopf zu stellen.
Es stimmt also schon: Kaum eine Gedichtform pocht so stark auf formale Regeln und in kaum einer Form werden diese so systematisch gebrochen - das ist Teil des Spiels und um das Spiel geht es ja in der Lyrik nicht zuletzt!
So gibt es also Sonette, die in Zeile 13 einfach abbbrechen oder nach Zeile 14 noch weitergehen, es gibt Spiele mit Metrum und Silbenzahl, es gibt Sonette, bei denen in jeder Zeile nur ein Wort vorkommt und es gibt sogar ungereimte Sonette, z. B. den berühmten "Giersch" von Jan Wagner, der als Ersatz für den Reim durchaus kunstvolle Ähnlichkeiten in Klang oder Silbenstruktur an jedem Zeilenende benutzt, so dass das Wort "Giersch" mit dem Wort "keusch" korrespondiert (klingt zumindest ähnlich - fast ein Reim) oder das Wort "darum" mit dem Wort "Tyrannentraum" (hier ist es nicht der Klang, sondern das nur sicht- aber nicht hörbare Enden der Wörter auf -um).
Wie dem auch sei - derartig weit von der Sonettform wegbewegt hast Du Dich, lieber eKy, hier zwar nicht, aber ein paar bemerkenswerte Ausnahmen hast Du Dir und uns schon gegönnt. Und das ist auch sehr gut so!

Erst einmal hast Du die Form des Sonetts ein kleines bisschen durch das Zusammenschreiben der beiden Terzette verschleiert - das ist aber keine ganz seltene Praxis und noch nicht gleich als Umsturzversuch zu werten. Dann sind statt der umarmenden Reime Kreuzreime am Start - der Sonett-Pharisäer mag da schon bedenklich die Stirne runzeln, aber jeder normaldenkende Leser freut sich einfach am schönen Klang und bleibt friedlich. Und dann kommt die letzte kleine Extravaganz und über die habe ich mich ganz besonders gefreut und sie trägt entscheidend zum Kunstgenuss bei: In den durch den Reim verknüpften Zeilen 12 und 13 ist nicht - wie sonst überall - ein 5-hebiger Jambus realisiert, sondern stattdessen ein 4-hebiger! Solche asymmetrischen Abweichungen in der Heberzahl gönnst Du uns sonst ja nicht, lieber eKy, aber hier finde ich das absolut stimmig und formschön, weil es - sozusagen zum Finale hin - noch einmal kurz den Lesefluss beschleunigt (das wird durch die korrespondierenden Reime der Z. 12 und 13 noch untersützt), bevor das Gedicht dann in der letzten Zeile mit wieder etwas beruhigterem Atem ausläuft. Man achte auch darauf, dass sich in Z.12 und 13 durch das fast als Schock auftauchende Signalwort "Grab" der Ton des Gedichts deutlich ändert. Vorher war es ein von sinnender Melancholie durchflochtener Habitus, jetzt wird in der Erwähnung des Grabes die Haltung viel härter und die grimmige Entschlossenheit des lyrischen Ichs, dem Anblick des Grabes stand zu halten, lässt den Leser ergriffen zurück. Auch inhaltlich also ein Wechsel der Perspektive, der den formalen Wechsel völlig nachvollziehbar macht.
Diese langen Ausführungen von mir sind ein Plädoyer, sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen von Gedichten, sehr bewusst auf die Form zu achten, sie aber auch bei Gelegenheit einmal zu durchbrechen. Letzteres kann man aber nur dann, wenn man vorher achtgegeben hat - sonst ist es kein Durchbrechen von Regeln, sondern einfach nur ein Unfall oder Versehen. Mancher Dichter versucht solche Unfälle im Nachhinein listig als schiere Absicht zu verschleiern, wenn man freundlich auf den Mishap aufmerksam macht, aber wirklich überzeugend ist das fast nie. Hier aber, in diesem schönen Sonett (ich bestehe auf der Bezeichnung, trotz der Abweichung) von Dir, lieber eKy, gibt es eben ästhetisch überzeugende Gründe für die Abweichung. Und das ist, was Kunst von Handwerk unterscheidet!

Sehr gerne gelesen also!

S.