Hi eKy!
Bei diesem Gedicht gibt es ein kleines Luxusproblem. Die ersten zwei Strophen sind zu gut.

Und "gut" ist hier eine gehörige Untertreibung! In diesen ersten Zeilen verschmilzt Du die frühexpressionistische Verve im Stile eines Georg Heym mit einem Rilkeanischen Melos zu einem Kunstwerk allerersten Ranges! Es mag dabei in S2 eine ganz leicht fallende Niveaulinie geben im Vergleich zu der umwerfenden ersten Strophe, aber das fällt wirklich nicht ins Gewicht, wirkt eher wie ein Atemholen. Gegen den Hintergrund der beiden ersten Strophen, sind dann aber die beiden folgenden für mich merklich verhaltener, konventioneller und gehen irgendwie nicht so recht aufs Ganze.
Für sich genommen ist dabei gegen S3 und S4 wahrlich nichts ernsthaft einzuwenden, sie könnten einen noch zu schreibenden Mittelteil prachtvoll umschließen (Letzterer vielleicht bestehend aus zwei Terzetten, von den beiden Quartetten umrahmt (sic!) - ein etwas durcheinander gewuscheltes Beinah-Sonett?). Gäbe es nicht die wirklich blendend gelungenen S1 und S2 würde z. B. die Häufung etwas blasser Adjektive und Adverbien in S3/4 (welk, spät, kalt, blau, scheu, neu) gar nicht auffallen oder der Kadenzenwechsel der letzten Strophe.
Insgesamt, wie gesagt, ein wirkliches Luxusproblem; ich habe geschwankt, ob ich diesen Aspekt nicht einfach untern Tisch fallen lassen sollte, aber die Vorstellung, S1 und S2 von ein oder zwei Strophen auf Augenhöhe ergänzt zu sehen, hat mich jetzt doch zu diesem sehr sehr sehr hohen Lob mit einer etwas seltsamen Einschränkung verführt!
(keineswegs wäre es aber jetzt in meinem Sinne, S1 und S2 etwas schlechter umzuschreiben, um die Harmonie herbeizuführen...

nur der Vollständigkeit halber fürs Protokoll

... im Zweifelsfall erfreue ich mich an diesem wunderbaren Gedicht, so wie es ist!
LG!
S.