Autor Thema: Mitte März  (Gelesen 1533 mal)

Erich Kykal

Mitte März
« am: M?RZ 19, 2021, 09:14:14 »
Der Himmel, bleich wie eine Eierschale,
sinkt rieselblass in Flockenstaub hernieder,
hüllt weiß die Wiesen, und im tiefen Tale
schnürt klamm der Bach sein eisgefasstes Mieder.

Die Bäume stehen kahl und unbekleidet
die Gärten hoch in regungslosen Reihen:
Ein Büßervolk, das ohne Klage leidet,
erlöst allein durch eines Frühlings Weihen.

So aschen wirkt das welke Grün der Matten
im späten Schnee, der, noch nicht überwunden,
bis Mittag liegen bleibt im kalten Schatten,
von Sonnenlicht und Wärme nie gefunden.

Doch hebt ein blauer Krokus schon inmitten
des Rasens scheu das bunte Blütenhaupt:
So endet jeder Winter unbestritten
in neuem Leben, das an Wunder glaubt.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

AlteLyrikerin

Re: Mitte März
« Antwort #1 am: M?RZ 19, 2021, 12:16:42 »
Hallo Erich,

mit sehr kreativen Bildern (das "eisgefasste Mieder" des Baches gefällt mir sehr gut) beschreibst Du die Vorfrühlingssituation, die noch unter dem Vorrang des Winters, dennoch die frühen Blüten als Hoffnungsträger sich entfalten lässt.
In Deinem Gedicht finde ich auch viele religiös besetzte Metaphern ( was mich natürlich gar nicht stört  ;D). Ist das nicht ein starkes Zeichen der Prägung unserer Kultur durch das Religiöse, das selbst von Agnostikerin oder Atheisten sprachlich nicht gänzlich ausgemerzt wird.
Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.

Sufnus

Re: Mitte März
« Antwort #2 am: M?RZ 29, 2021, 22:07:11 »
Hi eKy!

Bei diesem Gedicht gibt es ein kleines Luxusproblem. Die ersten zwei Strophen sind zu gut. ;) Und "gut" ist hier eine gehörige Untertreibung! In diesen ersten Zeilen verschmilzt Du die frühexpressionistische Verve im Stile eines Georg Heym mit einem Rilkeanischen Melos zu einem Kunstwerk allerersten Ranges! Es mag dabei in S2 eine ganz leicht fallende Niveaulinie geben im Vergleich zu der umwerfenden ersten Strophe, aber das fällt wirklich nicht ins Gewicht, wirkt eher wie ein Atemholen. Gegen den Hintergrund der beiden ersten Strophen, sind dann aber die beiden folgenden für mich merklich verhaltener, konventioneller und gehen irgendwie nicht so recht aufs Ganze.

Für sich genommen ist dabei gegen S3 und S4 wahrlich nichts ernsthaft einzuwenden, sie könnten einen noch zu schreibenden Mittelteil prachtvoll umschließen (Letzterer vielleicht bestehend aus zwei Terzetten, von den beiden Quartetten umrahmt (sic!) - ein etwas durcheinander gewuscheltes Beinah-Sonett?). Gäbe es nicht die wirklich blendend gelungenen S1 und S2 würde z. B. die Häufung etwas blasser Adjektive und Adverbien in S3/4 (welk, spät, kalt, blau, scheu, neu) gar nicht auffallen oder der Kadenzenwechsel der letzten Strophe.

Insgesamt, wie gesagt, ein wirkliches Luxusproblem; ich habe geschwankt, ob ich diesen Aspekt nicht einfach untern Tisch fallen lassen sollte, aber die Vorstellung, S1 und S2 von ein oder zwei Strophen auf Augenhöhe ergänzt zu sehen, hat mich jetzt doch zu diesem sehr sehr sehr hohen Lob mit einer etwas seltsamen Einschränkung verführt!

(keineswegs wäre es aber jetzt in meinem Sinne, S1 und S2 etwas schlechter umzuschreiben, um die Harmonie herbeizuführen... ;) nur der Vollständigkeit halber fürs Protokoll ;) ... im Zweifelsfall erfreue ich mich an diesem wunderbaren Gedicht, so wie es ist! :)

LG!

S.


Erich Kykal

Re: Mitte März
« Antwort #3 am: M?RZ 30, 2021, 11:18:51 »
Hi AL!

Ja - die religiösen Metaphern sind unausrottbar, vor allem in emotionstragenden Literaturformen - nichts sonst versinnbildlicht so griffig die menschliche Sehnsucht nach Tieferem, als er selbst sich sieht. Der späte Wintereinbruch ist hier ebenso eine Naturbeschreibung wie ein verborgenes Gleichnis auf die Fährnisse des menschlichen Lebens.

Hi Suf!

Also, für mich ist der Qualitätsbruch, den du beschreibst, bei weitem nicht so nachvollziehbar, aber jede Wahrnehmung filtert anders, jeder Sprachgeschmack gewichtet unterschiedlich. Vielleicht hast du diesbezüglich das sensiblere Sensorium, oder ich bin betriebsblind für das eigene Schaffen.

Das Gedicht entstand wieder mal durch einen Blick in den eigenen Garten und die umliegenden Hügel, beschrieb das Gesehene und etwas in mir unterlegte es als Metaebene mit einem mehr oder weniger subtilen Gleichnis auf die menschliche Existenz daselbst und ihrer unerschöpflichen Erlösungshoffnung aus allen irdischen Prüfungen.


Euch beiden herzlichen Dank für das Lob, dessen (gerade bei Sufnus) nachgerade bombastische Qualität meine hohle Brust vor Stolz schwellen lässt!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

  • Gast
Re: Mitte März
« Antwort #4 am: April 02, 2021, 10:01:35 »
in einer zeit, füge ich gedanklich hinzu, wo man Wunder gebrauchen könnte. LG von Agneta

Erich Kykal

Re: Mitte März
« Antwort #5 am: September 01, 2022, 19:59:22 »
Danke, Agneta! Ich sehe das genauso.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.