Hi Agneta!
O meine Mutter war nicht zimperlich! Mein Vater konnte mich kaum anrühren - ich bekam meine Ohrfeigen von ihr. Auch mit dem Teppichklopfer wurde ich verdroschen (natürlich nicht sooo fest wie bei einem Teppich - es war mehr das Symbol der Erniedrigung, das zählte), und als ich mal störrisch war und bitzelte, bis ich violett angelaufen war, stellte sie mich mitsamt Kleidung in die Badewanne und übergoss mich mit eiskaltem Wasser aus der Brause. Ich war nie wieder störrisch ...
Das sind alles frühe Kindheitserinnerungen, noch ehe ich zur Volksschule ging. Danach gab es höchstens noch gelegentlich mal eine Ohrfeige im Affekt, wenn ich wirklich Blödsinn angestellt oder mich gefährdet hatte.
Aber ich musste immer alles aufessen (die Portionen waren groß!) und durfte erst aufstehen, wenn der Teller leer war - sie war Kriegsgeneration, und Lebensmittel waren heilig. Ich kann bis heute nichts auf dem Teller lassen, und wenn ich platze! So erzieht man Vielfraße, aber sie wusste es nicht besser.
Und trotz allem war ich immer ein "Mamakind" - nicht die wehleidige, verheulte Sorte, sondern eben mit der Mutter als primäre Bezugsperson! Ich liebte sie abgöttisch, und wusste, sie liebte mich ebenso! Mein Vater liebte mich sicher genauso und hätte alles für mich getan, aber er konnte es leider nie so zeigen - je älter ich wurde, desto distanzierter wurde er mit mir (für ihn als alten SS-Offizier waren Zärtlichkeiten "unter Männern" undenkbar ...). Ich "mochte" ihn als Kind und respektierte ihn auch später, aber lieben wäre zuviel gesagt ...
Nun, ich war ohnehin eine heimliche Enttäuschung für ihn: Er sah mich als Stammhalter und mindestens als Chefarzt in einem namhaften Krankenhaus - in beiderlei Hinsicht blieb ich weit unterhalb seiner Erwartungen ...
Vielleicht waren seine mir aufgezwungenen täglichen stundenlangen "Sitzungen" während der Schulferien (ich musste Englisch und Französich pauken, während alle anderen Kinder draußen spielten - und schrieb stapelweise Hefte mit Übungen aus, die er später in seinem Unterricht bei Schülern verwendete, die einige Jahre älter waren als ich) und seine himmelhohe Angst um meine Sicherheit (ich durfte als Kleinkind nie in den Hof, mit anderen Kindern spielen - Kontakt mit Gleichaltigen bekam ich erst mit dem Kindergarten).
Ich habe zwar bis heute soziale Defizite, dafür kann ich nach wie vor die gesamte englische Grammatik auswengig hersagen, und so mancher Sprachbewanderte hält mich für einen "native speaker" ...
Ab dem Teenageralter begann ich seinen "Drill" ghandimäßig zu sabotieren, bis er irgendwann aufgab, aber den Spaß am schulischen Lernen hatte er mir bis dahin nachhaltig ausgetrieben, und ich maturierte zwar, aber mit minimalem Aufwand und jeder Menge teurer Nachhilfe in Mathe und Latein - schon wieder eine Enttäuschung für ihn (Rache ist süß!)
Ich wurde faul und unmotiviert, und trotz großer Talente und Geistesgaben wurde ich "nur" Hauptschullehrer - noch ein Schlag für ihn! Ich habe "passiven Widerstand" quasi kultiviert ...
Hab's aber nie bereut. Karriere und gesellschaftliche Stellung waren mir schon immer schnurz, Geld brauche ich nur zum Leben, und die Freizeit kam stets meiner Faulheit zugute, die mir bis heute geblieben ist.
Manchmal überlege ich, was wohl aus mir geworden wäre, wenn meine Eltern mehr von Kinderpsychologie verstanden hätten, oder von den Dingen, die wirklich wichtig gewesen wären ...
Dennoch - kein Vorwurf. Sie taten ihr Bestes, und das allein zählt.
Uuups - ich hoffe dich nicht allzusehr mit alldem gelangweilt zu haben! Das ist irgendwie viel mehr geworden, als ich eigentlich dazu sagen wollte ...
LG, eKy