Autor Thema: Der Becher des Lebens  (Gelesen 2414 mal)

Erich Kykal

Der Becher des Lebens
« am: Februar 09, 2017, 16:47:28 »
Der Oberflächliche muss immer kreisen
entlang des Randes seines vollen Bechers,
versagt sich die Erfüllung jedes Zechers,
die Tiefe des Getränkes zu bereisen.

Die volle Traube wird er niemals schmecken,
verliert sich in Vermutung. Die Genüsse
erlebt er nur wie nie getrunkne Küsse:
Sie können sein Begehren nicht erwecken.

Er stößt zwar an und lacht mit froher Runde,
doch ahnt er nichts vom trunkenen Erleben,
das nur die Trinkenden einander geben!

So bleibt er durstig nur zurück und nüchtern
und gibt von brav Gelerntem knöchern Kunde
und bleibt sein Leben lang allein und schüchtern.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Curd Belesos

Re: Der Becher des Lebens
« Antwort #1 am: Februar 09, 2017, 23:53:03 »
moin moin Erich.

meine Variante zu deinem gefühlt autobiografischem Gedicht wäre : " Der Schüchterne wird immer wieder kreisen", mit der Schlusszeile " und bleibt sein Leben lang allein und nüchtern"

Der von dir beschriebene Gedanke ist sehr gut nachvollziehbar und ebenso verdichtet.

LG
CB
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

Erich Kykal

Re: Der Becher des Lebens
« Antwort #2 am: Februar 10, 2017, 00:34:54 »
Hi Curd!

Das ginge, wenn "nüchtern" nicht bereits als Reim auf "schüchtern" in Verwendung wäre.  ;)

Eigentlich wollte ich ein Gedicht über oberflächliche Menschen schreiben, und so beginnt es denn ja auch. Aber mit Fortgang des Prozesses wollte mein Unterbewusstes wohl anderwo hin und verlieh der eingangs erwähnten Oberflächlichkeit einen anderen Kontext, nämlich das Nicht-Eintauchen-Können ins Intensive des Lebens, das Sich-einfach-Hineinwerfen-Können in Erleben und Ausleben!
Vielleicht weil man Angst hat vor Verletzung, vielleicht weil man gehemmt ist, von rigider Erziehung indoktriniert oder unsicher bezüglich möglicher Folgen. Manche fürchten jeden noch so kleinen Kontrollverlust, andere ekeln sich vor zuviel Nähe, sowohl geistiger wie auch körperlicher. Und manche gibt es wohl, da ist es all das zusammen!
So verbringen sie ein Leben sozusagen im Warteschleifenmodus, wohl wissend, dass es nie einen Kontakt geben wird, weil sie selbst die Verbindung zum Tower gekappt haben ...

Danke für deine Gedanken!  :)

LG, eKy
« Letzte Änderung: Februar 10, 2017, 00:37:04 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re: Der Becher des Lebens
« Antwort #3 am: Februar 10, 2017, 16:06:17 »
Lieber Erich,

ob diese armen Seelen um die Kargheit wissen, in der sie leben?
Wer nie in vollen Zügen das Daseinund was es bietet, genoß, ist wahrlich ein armer Tropf!
Es müssen ja keine Orgien sein, die schlaff und ernüchtert zurücklassen, aber den vollen Becher mit Genuß zu leeren, das ist ein Geschenk.

Mit unnachahmlicher Schöpferkraft hast Du mich nippen lassen - danke Dir!

Lieben Gruß
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re: Der Becher des Lebens
« Antwort #4 am: Februar 10, 2017, 17:18:18 »
Hi Cypi!

Der Becher steht hier für die Tiefe jeglicher Lebenserfahrung.

Es geht wohl (fast?) jedem so, dass er eine Zeit im Leben hatte, da er sich unvollkommen und mangelhaft empfand und darob scheu und zurückhaltend war.
Manchen bleibt dies ein Leben lang, und sie müssen um jeden Schritt ins Erleben kämpfen, vor allem, wenn sie von Menschen verraten oder sonstwie enttäuscht wurden.

Ich bin ein solcher Mensch: isoliertes Einzelkind mit sozialen Defiziten, immer der kleinste und dickste in der Klasse, Brillenträger, gekleidet in den Modegeschmack von Pensionisten (alte Eltern) - ein echter Freak/Nerd, nur dass man diese Worte damals noch nicht kannte.
Entsprechend niederschmetternd war dann über die Jahre meiner Schulzeit auch mein sozialer Werdegang. Das perfekte Opfer: trotz aller äußerlichen Mängel war ich mir meiner Klugheit und geistigen Überlegenheit über die meisten meiner Mitschüler bewusst (auch wenn meine Noten das nie bestätigten) und ließ sie, die mich über Jahre quälten, dies auch spüren, wo ich konnte: meine einzige Möglichkeit, Selbstwertgefühl aufzubauen in diesem täglichen Spießrutenlauf der Demütigungen und Gehässigkeiten.
Mein Zynismus machte mich bald zum "Klassenkasper", und mein Mundwerk war gefürchtet. Dennoch blieb ich immer - bis zum Abitur! - der verachtete Sonderling, der kleine Fettsack mit Brille in Omaklamotten, der im Turnunterricht immer als letzter gewählt wurde (unter Augenrollen und Gestöhne), und dem man seine Arroganz neben den üblichen Erniedrigungen auch gern mit Prügeln heimzahlen konnte.
Sowas kann einen schon für's Leben prägen, und Teile davon schleppe ich bis heute mit mir herum. Es hat Jahrzehnte gedauert, mich endlich aus dieser Umklammerung der Niederlage zu lösen. Vertrauen zu den Menschen habe ich nie wieder in dem Maße gefunden, dass ich enge Bindungen eingegangen wäre. Zu tief saß mir das fingerzeigende schallende Gelächter meiner Kindheit und Jugend in der Seele.

Als Teenager führte ich eine "schwarze Liste" mit einer stets aktualisierten Rangliste all jener, denen ich später eine hochnotpeinliche Todesart durch meine Hände zugedachte, weil sie sich meinen glühenden Hass redlich verdient hatten!
Heute trage ich niemandem mehr etwas nach - wir waren jung und stocherten erst unwissend im Leben herum, und so etwas wie Gnade der Weisheit war unbekannt und wurde auch nicht erwartet. Zum Teil war es ja auch meine eigene Schuld, dass ich nie aus diesem Teufelskreis herausfand.

Fazit bleibt jedenfalls, dass ich prädestiniert bin, derlei zu verstehen. Zuweilen begegnet mir ein Schüler, der dieselben - oder sehr ähnliche - Fehler macht wie ich damals. Bist du erst mal in dieser Rolle des allumfassenden Sündenbocks, bleibt dir kaum etwas anderes übrig als allumfassende Verachtung im Gegenzug, und solch aufgesetzte Selbstverteidigungs-Hybris schmeckt natürlich den anderen nicht - und schon ist man auf der Spirale abwärts!
Die schulischen Leistungen rasseln dann ähnlich in den Keller, denn wozu sollte sich jemand mit zerschmettertem Selbstwertgefühl um sich selbst bemühen? Und alles, schlechte Noten und Verachtung, der Kummer, den man den Eltern macht, die Enttäuschung in ihren Augen und in denen der Lehrer - all das gerinnt irgendwann zu einer täglichen Hölle aus Depression, Tränen, Selbstisolation und Selbstverachtung, die einem irgendwann wie selbstverständlich wird, so als könnte das Leben gar nichts anderes sein, wenn man groß wird.

So kann es denn geschehen, dass man ein Leben lang lieber an der Oberfläche bleibt - vielleicht bestenfalls mal den Zeh reinsteckt oder - wenn man geschubst wird, pflichtschuldigst mal ne Runde im Becher schwimmt. Aber letztlich bleibt man lieber trocken, weil das weniger weh tut.

Wie gesagt - derlei kenne ich aus erster Hand. Darum bemerke ich es auch oft an anderen und kann es verstehen. Die Gründe mögen andere sein - kein Schicksal ist das gleiche, aber die Konsequenzen ähneln sich. Ein Sprichwort sagt: Nur der leidende Dichter kann Großes schaffen!
Vielleicht - nur vielleicht - stimmt das sogar ...


LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
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Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Curd Belesos

Re: Der Becher des Lebens
« Antwort #5 am: Februar 10, 2017, 23:40:22 »
Das ginge, wenn "nüchtern" nicht bereits als Reim auf "schüchtern" in Verwendung wäre.

das stimmt, doch ich wollte dein Gedicht nicht umschreiben, es ist dein Kind  ;D

Grinsenden Gruß

Curd.
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

cyparis

Re: Der Becher des Lebens
« Antwort #6 am: Februar 13, 2017, 10:19:00 »
Lieber Erich,

mir ging es ähnlich, wenn auch nicht so gravierend wie bei mir.
Besonders in der Pubertät und Schulzeit litt ich sehr unter mir selbst.
Zu klein, zu dick, schon früh mit Hängebusen geschlagen - ichdurchlitt Qualen, konnte mich aber nicht mitteilen.
Selbst die ersten Liebeleien befreiten mich nicht aus diesem Selbstzweifel.
Später wurde es besser, aber ich habe noch heute Schwierigkeiten, wirkliche Freunde zu gewinnen.

Lieben Gruß
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re: Der Becher des Lebens
« Antwort #7 am: Februar 13, 2017, 18:57:48 »
Hi Cypi!

Ich kenne wenige, die wirklich mit ihrem Körper zufrieden sind. Man sollte glauben, wer schlank, sportlich und gutaussehend ist, hätte da keine Sorgen, aber weit gefehlt! Der Mensch sucht offenbar nach etwas, durch das er leiden muss, und findet sich oft seltsame Dinge dazu. Das Ausmaß des Leids ist dann zuweilen nicht weniger arg als bei jenen, die wirklich Grund für physische Selbstverachtung haben - Tatsache ist, dass es ausreicht, wenn jemand GLAUBT, Grund dazu zu haben.

Ich hatte im Lauf meines Lebens manche wirklich gutaussehenden Schulkameraden, Freunde, Bekannte, Kollegen - und mit vielen davon kam ich irgandwann bezüglich dieses Themas ins Gespräch!
Oft musste ich dann schmunzeln, wenn ein von mir sehnlichst um seinen Luxusleib beneideter Adonis mir vorwurfsvoll (wider das Schicksal) schilderte, dass er finde, er hätte zu große Füße mit zu breiten Zehen (worauf ich nie gekommen wäre, sooft ich ihn barfuß sah), oder (ein anderer) fände es unerträglich, dass seine Augenbrauen leicht zusammenwüchsen und er immer zupfen müsste!

Diese Leute, die nie ein Problem damit hatten, zuviel zu essen und nie nachvollziehen konnten, welch ewiger und letztlich meist doch vergeblicher Kamnpf dies ist, die nie die kleinsten und uncoolsten in der Klasse waren, die nie eine Glatze bekommen oder eine Brille gebraucht hatten - diese Leute kamen dann gern mit leichthin verteilten Ratschlägen daher, so als wäre alles ganz einfach: Alles eine Frage der Willenskraft und der richtigen Ernährung! (während sie neben mir Schnitzel aßen und schmatzten!) Und ich sei ja selbst schuld usw...

Ich wünschte ihnen aufs Teuflischste ein Jahr in meinem unterdurchschnittlich kleinen, unförmigen, schwitzenden, behaarten, plattfüßigen, glatzköpfigen, kurzatmigen und bebrillten Körper und in meinem Leben endloser Kasteiung für nix und wieder nix!  >:D

LG, eKy
« Letzte Änderung: Februar 13, 2017, 19:25:18 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re: Der Becher des Lebens
« Antwort #8 am: Februar 13, 2017, 19:17:00 »
Ein wahrhaft höllischer Tausch - aber wenn man den Teufel mal braucht, läßt er sich nicht blicken. ;D
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Curd Belesos

Re: Der Becher des Lebens
« Antwort #9 am: Februar 22, 2017, 22:47:38 »
moin moin Erich,

es ließ mir keine Ruhe, daher habe ich mein Gefühl in deinem Gedicht blau kenntlich gemacht


Der Schüchterne muss immer kreisen
entlang des Randes seines vollen Bechers,
versagt sich die Erfüllung jedes Zechers,
die Tiefe des Getränkes zu bereisen.

Die volle Traube wird er niemals schmecken,
verliert sich in Vermutung. Die Genüsse
erlebt er nur wie nie getrunkne Küsse:
Sie können sein Begehren nicht erwecken.

Er stößt zwar an und lacht mit froher Runde,
doch ahnt er nichts vom trunkenen Erleben,
das nur die Trinkenden einander geben!

So bleibt er durstig nur zurück und schüchtern
und gibt von brav Gelerntem knöchern Kunde
und bleibt sein Leben lang allein und nüchtern.

Der Schüchterne muss immer kreisen.........und bleibt ein Leben lang allein und nüchtern

DENN:

versagt sich die Erfüllung jedes Zechers, die Tiefe des Getränkes zu bereisen.......so bleibt er durstig nur zurück und schüchtern.

Aber, wie bereits geschrieben, es ist meine Lesart  ;)

LG
CB



Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

Erich Kykal

Re: Der Becher des Lebens
« Antwort #10 am: Februar 23, 2017, 00:42:10 »
Hi Curd!

Der Oberflächliche IST schüchtern - er wagt nicht, die Tiefen auszuloten.

Ich verwende ungern ein Nomen, Verb oder Adjektiv zweimal in einem Gedicht, auch von daher ist mir meine Version lieber. Aber deine Lesart trifft es geradliniger in der Aussage.

LG, eKy
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Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Der Becher des Lebens
« Antwort #11 am: Februar 23, 2017, 16:43:58 »
Hallo Erich,

dies sehr verbreitete Nippen am Becher des Lebens verdankt sich wohl der Angst, mit dem Rausch überfordert zu sein. Doch die gewaltige Nüchternheit der Vielen macht den Trinker/Dichter zu einem sehr unverstandeneren Genießer.

Sehr gern gelesen

LG gummibaum

Erich Kykal

Re: Der Becher des Lebens
« Antwort #12 am: Februar 23, 2017, 18:12:41 »
Hi Gum!

Vorausgesetzt, man geht davon aus, dass Berauschendes im Becher sei!  ;) - Vielleicht ist es bei manchen bloß warmer Kakao ...  ::) Dennoch jagt jedes Schmecken ihnen Angst ein, also lieber erst gar nicht probieren - dann kann man sich auch nicht vergiften!  ::) :o

Augenrollende Grüße, eKy


PS: Der Becher kann zuweilen auch wirklich Gift enthalten  - siehe zB. den Aidstod von Freddie Mercury: Der war eigentlich auch eher schüchtern (wegen seiner vorstehenden Zähne und Hautproblemen), stürzte sich aber doch dank Rockstarpose ins pralle Leben, lotete seinen Becher bis zum Grund aus - und ging genau daran letztlich zu früh zu Grunde.
« Letzte Änderung: August 15, 2020, 23:39:01 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Curd Belesos

Re: Der Becher des Lebens
« Antwort #13 am: Februar 23, 2017, 18:20:59 »
Aber deine Lesart trifft es geradliniger in der Aussage.

moin moin Erich, salomonisch  ;D  >:D

LG
CB
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

Erich Kykal

Re: Der Becher des Lebens
« Antwort #14 am: Februar 23, 2017, 18:32:02 »
Hi Curd!

Wie nennt man ein gerechtes Untier? - Salomonster!  ;D

LG, eKy
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Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.