Autor Thema: Selbstversuch  (Gelesen 1024 mal)

gummibaum

Selbstversuch
« am: Juli 02, 2023, 03:29:08 »
Wie gut wär Gottes Frieden mir bekommen,
wenn ich ihn einmal hätte fühlen dürfen,
doch wollte es dem Schöpfer wohl nicht frommen,
nach dem von ihm Verlassensten zu schürfen.

Ich schreibe dies aus einer Todeszelle,
weil Trauer mich und Wut zu morden zwangen.
Sie überfielen mich wie Sog und Welle,
um immer neue Opfer zu verlangen.

Ich war nicht schlecht, das Leben schlug mir Kerben, 
ich schreib davon so manche lange Seiten 
für euch zur Warnung wider das Verderben,
doch wächst die Angst, mein Ziel könnt mir entgleiten. 

Vermag ich wohl, bevor sie mich entleiben,
mein Werk zu enden und mich auszustreichen,
die schlimmsten Sünden in ein Wort zu treiben,
um endlich einsam Frieden zu erreichen …   ?


in Anlehnung an „Pascual Duartes Familie“
« Letzte Änderung: Juli 02, 2023, 23:34:43 von gummibaum »

Erich Kykal

Re: Selbstversuch
« Antwort #1 am: Juli 02, 2023, 19:13:22 »
Hi Gum!

Die Inspiration kenne ich nicht, aber das Werk gefällt mir. Einzig:

S3Z2 - 'und mehre eilig Seiten' - Gleich zwei Verkürzungen hintereinander, das holpert doch sehr im harmonischen Sprachfluss.
Wie wäre es mit 'so manche lange Seiten' ?

Und: Das 'einsam' in der letzten Zeile würde ich unbedingt VOR 'Frieden' stellen.

Sehr gern gelesen! Die Stimmung des zum Tode Verurteilten wirkt dicht und beklemmend. Aber was meint das LyrIch in S3Z4 - welches 'es', fürchtet er, könnte ihm noch entgleiten? Das Leben? Das hat er doch schon verwirkt. Die Botschaft, die er vermitteln will? Dafür erscheint nir das 'es' zu schwammig.


LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Selbstversuch
« Antwort #2 am: Juli 02, 2023, 23:28:51 »
Lieber Erich,

vielen Dank. Du hast den Finger in die Wunde gelegt. Ich habe nachgebessert. "Entgleiten" bezieht sich (wegen der Quelle, dem Kurzroman) tatsächlich auf die Botschaft, die möglicherweise Stückwerk bleibt, wenn die Hinrichtung, deren Datum der Delinquent nicht kennt, dazwischenkommt.

LG g