Autor Thema: Der Einen  (Gelesen 1982 mal)

Erich Kykal

Der Einen
« am: September 05, 2013, 23:58:09 »
Dich nach meinem wahren Wert durchsuchen
will ich wie ein Frühling, der die Buchen
zag nach Winters Weichen wachgeküsst!
Folge meiner Stimme, die in deinen
Zweigen wie das wunderliche Weinen
eines großen Wiedersehens ist.

Sieh, ich schmiege mich an deine Hülle,
die mir mehr bedeutet als die Fülle
eines angefangnen milden Jahrs!
Mein Versehnen ist wie eines Tropfens
Fallen in Erwartung seines Klopfens
an die Spiegel deines Augenklars.

Ja, ich will dich in den Morgen heben,
und, wenn wir sein Kommen überleben,
ganz aus dir mich formen und verstehn!
Deinen Lippen, wenn sie mich bestreiten,
will ich selber mich zum Mahl bereiten
und mit allen Sinnen in dir untergehn.
« Letzte Änderung: September 06, 2013, 10:22:52 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

galapapa

Re:Der Einen
« Antwort #1 am: September 06, 2013, 10:05:16 »
Hallo Erich,
ich weiß ja, das lyrische Ich hat üüüberhaupt nichts mit dem Autoren zu tun, so werde ich also jenes Deiner Verse beglückwünschen, denn um die Gefühle, die da brodeln, ist es allemal zu beneiden.
Dein Liebesgedicht gefällt mir, weil es nicht, wie es mir leider meist passiert, in eine allzu entrückte Sprache "enteilt", sondern sehr poetisch auf einem realitätsnahen Niveau verbleibt.
Wenngleich:Interessant finde ich auch die Steigerung von der ersten Strophe, die hintergründlich ein besitzergreifendes Beherrschenwollen signalisiert, zur dritten, in der eher das Streben nach einem völllligen Aufgehen in der Angebeteten dominiert.
Berührende Verse in interessantem Reimschema, das unterschwellig die Begehr unterstreicht und eine gewisse Steigerung ausdrückt.
Sehr gern gelesen, zumal mich derlei Texte gerade sehr ansprechen. ;)
Herzliche Grüße! :)
Galapapa

Erich Kykal

Re:Der Einen
« Antwort #2 am: September 06, 2013, 10:13:48 »
Hi, charly!

Dieses Gedicht stammt vom Mai 2010, ich hatte es damals in einem anderen Forum gepostet, allerdings war es recht unfertig und beinhaltete viele Metrikfehler. Deshalb habe ich es auch nie anderswo eingestellt und schließlich später gänzlich vergessen. Gestern stolperte ich dort zufällig wieder drüber und überarbeitete es gründlich, sodass Takt und Melodie jetzt insgesamt recht stimmig sind. Nunmehr steht es auch in den anderen Foren zu lesen!

Übrigens - nicht dass ich damals verliebt gewesen wäre oder so: Wie alle Liebesgedichte von mir war dies eine reine lyrische "Trockenübung" in Gefühlstheorie. Das LyrIch har also hier tatsächlich nichts mit mir zu tun - zumindest nicht praktisch.... ;D

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

wolfmozart

Re:Der Einen
« Antwort #3 am: September 07, 2013, 11:08:20 »
Erich, ohne zu übertreiben: Ein fast schon geniales Gedicht.

Insbesondere das besondere Reimschema gefällt ausgezeichnet.

LG wolfmozart

Erich Kykal

Re:Der Einen
« Antwort #4 am: September 07, 2013, 11:55:43 »
Hi, Wolfmozart!

An diesem Reimschema ist nichts Besonderes: AABCCB
Ich verwende des öfteren auch: ABACBC
Ab und zu auch: ABCCBA oder ABCABC
Diese nennt man: Verschränkter Reim.

Am gebräuchlichsten sind natürlich Quartette mit ABAB(Kreuzreim), AABB(Paarreim) oder ABBA(Blockreim oder umarmender Reim, manchmal auch französischer Reim genannt).

Terzett: ABA BCB CDC DAD (Kettenreim, Strophenanzahl variabel), oder, vor allem in Sonetten, wie oben der verschränkte Reim, bloß mit Leerzeile in der Mitte.
Die besten Sonette kommen sowohl in den Quartetten wie in den Terzetten mit je 2 Reimen aus: ABBA ABBA(oder:BAAB) AAB BBA(oder:ABA BAB)

Sollte dich das kleine Einmaleins der Reimkunde interessieren, schau in Wikipedia unter "Reim" nach:

http://de.wikipedia.org/wiki/Reim#Paarreim


LG, eKy
« Letzte Änderung: September 07, 2013, 12:06:31 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Daisy

Re:Der Einen
« Antwort #5 am: September 07, 2013, 20:47:10 »
Hallo Erich,

also wenn das, ebenso wie deine anderen Liebesgedichte, eine sogenannte "Trockenübung" ist, dann empfinde ich sie als außerordentlich gelungen und überzeugend!

Jedenfalls verstehst du es, den Leser in den Bann dieser bezaubernden Verse zu ziehen, und ihn in romantischer Stimmung schwelgen zu lassen.

Sehr schön und sehr gern gelesen!  :)

LG Daisy

Erich Kykal

Re:Der Einen
« Antwort #6 am: September 08, 2013, 06:55:01 »
Hi, Daisy!

So lange Zeilen mit betontem Beginn sind für mich etwas ungewöhnlich, aber es hat eben so werden wollen...

Vielen Dank für dein Lob und die lieben Worte!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re:Der Einen
« Antwort #7 am: September 08, 2013, 10:13:10 »
Neu, neuartig, unverbraucht, wunderschön!
Vor allem die letzte Strophe ist überwältigend.

Hab Dank, lieber Erich,


von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

gummibaum

Re:Der Einen
« Antwort #8 am: September 08, 2013, 12:03:59 »
Welch ein Genuss, Erich! So wenig die Reimpaare neu sind, so neu und überwältigend tief ist der Sinn, den sie hier zwischen sich fassen - was wiederum kaum zu fassen ist.

Begeistert gummibaum