die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Im Gras wispert Hoffnung => Thema gestartet von: Erich Kykal am Februar 09, 2021, 12:13:32

Titel: Der Raum in dir
Beitrag von: Erich Kykal am Februar 09, 2021, 12:13:32
Wenn ich aus dem Fenster blicke
in die Welt, die dort geschieht,
die im Wirbel der Geschicke
fern an mir vorüberzieht,
der ich in der Stille wohne,
wird mir seltsam schwer zumut,
und die Seele, die ich schone,
weil sie glaubt, die Welt sei gut,
sehnt sich seltsam nach der Ferne,
die sich weit und unerklärt
vom Gesims bis an die Sterne
weiterdenkt und neu erfährt.

Es mag sein, dass ich versäume,
was da draußen euch geschieht,
die ihr durch die bunten Räume
einer großen Erde zieht,
doch ich ahne, dass die Bilder,
die das Abenteuer schenkt,
anders nicht sind als was milder
mir die schweren Lider senkt,
wenn ich ganz mir selbst gehöre
im Bereich, der mir gehört,
und, was draußen ich verlöre,
meiner Seligkeit verschwört:

Jenes Wissen, das mich rundet,
seit ich lebe wie im Traum:
Alle Welt, von dir erkundet,
die dich heilt, wenn du verwundet
innehältst an ihrem Saum,
alle Vielfalt, die dir mundet,
findet sich in einem Raum.
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: Rocco am Februar 09, 2021, 14:13:41
Hallo Erich,

Einsamkeit ist eine Geschmacksfrage, darüber kann man nicht streiten. Aber zu sagen: die Welt im Kleinen spiegle nur die Welt im Großen und man könne auf sie verzichten, das klingt dann nicht arg viel anders, als das, was Nietzsche gesagt hat.

Ich sehe, dass deine Gedanken eine bestimmte Richtung einschlagen und ich hoffe, das es keine Sackgasse ist.

Rocco
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: Erich Kykal am Februar 09, 2021, 16:45:22
Hi Rocco!

Wenn es eine Sackgasse ist, dann ist es der Sack, in dem ich seit meiner Jugend wohne - seit bald 40 Jahren - und ich lebe noch. Kann also sooo unerträglich nicht sein. Ich lebe seit meiner Schulzeit im Grunde wie alle anderen erst jetzt in der Coronakrise, deshalb war es auch für mich keine Umstellung oder Einschränkung, im Lockdown zu leben. Es ist, was ich gewohnt bin.

Ich zitiere Andre Heller: "Die wahren Abenteuer sind im Kopf! Und sind sie nicht in deinem Kopf, dann sind sie nirgendwo."

Die Buddhisten wiederum meinen, die ganze Welt sei eine Illusion, die uns an Leid und Materie kettet, in einem endlosen Zyklus von Wiedergeburt und Schuld.

Ich habe mich früher zeitweise durchaus ausprobiert in der Welt! Ich war fast 20 Jahre wochenends als Rocker unterwegs in der österreichischen Szene, hab ein paar Reisen gemacht, Menschen kennengelernt. Aber nichts ist von Dauer. was letztenendes bleibt, ist die Welt in meinem Kopf, gebaut aus meinen Erfahrungen, meinem Reifen, und meinem Versagen. Auch das gehört dazu.

Das Gedicht rät nicht zu Abkehr von der Welt, es sagt nur aus, dass der Autor seine Innenwelt als für sich akzeptable Alternative entdeckt hat. Vielleicht auch als Ergänzung, zumindest aber als Rettungsinsel.

LG, eKy
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: AlteLyrikerin am Februar 10, 2021, 13:57:48
Hallo Erich,


ein sehr interessantes Thema von Dir wie gewohnt gut umgesetzt. Es gibt ja die berühmten isolierten Persönlichkeiten, von denen Kaspar Hauser eine der bekanntesten ist. Für mich bedeuten ihre Beispiele, ohne ein Leben "draußen", in Gemeinschaften, in Erfahrungsräumen, gibt es nichts oder zumindest viel zu wenig, was im Kopf bewahrt und in der selbst gewählten Klausur dann Sinn stiften könnte.
Aber ich unterstelle diesen Irrtum jedoch Deinem Gedicht nicht, sondern das LyrIch beschreibt einen Zustand der positiv bewerteten Zurückgezogenheit   n a c h reichlichen "Draußen-Erfahrungen".

Über die folgende Zeile
"anders nicht sind als was milder"
komme ich metrisch etwas ins Stolpern. Du weißt ja, dass ich nicht zu denen gehöre, die ein gleichmäßiges Metrum einfordern. Aber bei Deinen Gedichten gehört dieses Stilmittel ja zur Kunstfertigkeit. Ich mag jetzt keine Xx-Übung produzieren. Betone ich da falsch (ich lese so etwas immer laut). Falls es tatsächlich eine Abweichung vom Rhythmus der übrigen Zeilen gibt, hat er vielleicht einen künstlerischen Grund?

Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: hans beislschmidt am Februar 10, 2021, 14:54:51
Lieber Erich,
Zitat
  anders nicht sind als was milder 
Aua ... da hast du dich sicher verschrieben.
André Heller ja ... so kann jeder Ort die absolute Potentialität aller Dinge bedeuten. Ein aristotelischer Entwurf, den die Scholastiker weiter verfolgt haben.
Die Aussage kann ich nachvollziehen, wenn auch der Altherrenduktus (mundet) eine unnötige Schwülstigkeit
verbreitet.
Gern gelesen. Gruß vom Hans
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: Erich Kykal am Februar 10, 2021, 16:10:40
Hi AL, Hans!

Der Satz ist völlig korrekt formuliert (bitte immer den ganzen Satz lesen!), und das Metrum fügt sich ebenfalls nahtlos ein:

doch ich ahne, dass die Bilder,
die das Abenteuer schenkt,
anders nicht sind als was milder
mir die schweren Lider senkt,

XxXxXxXx
XxXxXxX
XxXxXxXx
XxXxXxX


LG, eKy
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: hans beislschmidt am Februar 10, 2021, 16:22:18
Für mich muss es so klingen ...
nicht anders sind als was milder ..
Aber bitte ... Du bist der Metrumflüsterer.
Gruß vom Hans
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: Erich Kykal am Februar 10, 2021, 16:43:12
Hi Hans!

Das Gedicht hat betonten Auftakt. Deine Zeilenversion hat unbetonten Auftakt. Die Inversion "anders nicht" ist aus metrischen Gründen notwendig und lyrisch statthaft.

LG, eKy
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: hans beislschmidt am Februar 10, 2021, 16:51:28
Hab ich mir gedacht, dass du den Trochäus deswegen reinwürgst. Für mich ein Beweis, dass metrisch nicht immer organisch ist. Gruß vom Hans
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: Copper am Februar 10, 2021, 18:28:36
Hallo Erich,

gefühlsstarke Sätze. Sehr ergreifend.

Wer in sich ruht ist nicht einsam. Auch wenn Deine Zeilen eine gewisse Sehnsucht beschreiben, so strahlt das Werk insgesamt doch Ruhe und Zufriedenheit aus.

Danke für s Lesen dürfen. Große Schreibkunst.

Gruß Copper
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: Erich Kykal am Februar 10, 2021, 19:40:37
Hi Copper!

Danke für den freundlichen Zuspruch und die nicht wirklich negative Sichtweise meiner Zeilen, die ich den größeren Teil meiner Zeit teile.

LG, eKy
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: Agneta am Februar 10, 2021, 19:42:12
das sind wunderbar Zeilen, lieber Erich.Zurückgeworfen, aber auch geschützt im eigenen Raum. Eine Sichtweise, die ich in solch einer Lebenssituation weise finde. Ja, vielleicht
findet man die Weisheit in der Stille.
LG von Agneta
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: Erich Kykal am Februar 10, 2021, 21:50:08
Hi Agneta!

Weisheit ist, was uns tröstet, wenn kindliche Unschuld uns keine Zuflucht mehr sein kann.

LG, eKy
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: Ylva am Februar 13, 2021, 16:51:52
Lieber Erich,

Einsamkeit tut auch gut und kann uns in schwierigen Zeiten helfen, in uns selbst einzutauchen und über unser, über das Leben überhaupt, nachzudenken.
Wenn der Lärm der Welt unsere Gedanken übertönt und wir uns in den Erwartungen anderer, im Streben nach Anerkennung und Erfolg und an jedem einzelnen dieser Tage, an denen alles nur ein Kampf zu sein scheint, verloren haben....dann haben wir in der Einsamkeit die Chance, wieder zu uns zu finden und das zu erkennen, was wirklich wichtig ist in diesem Leben.

Ich bin durch den Krebs ja jetzt auch schon eine ganze Weile sehr isoliert...alles, was nicht notwendig ist, meide ich. Ich habe viel nachgedacht und bin zu sehr interessanten Erkenntnissen über mich und mein Leben gekommen.

LG
Ylva
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: Erich Kykal am Februar 13, 2021, 18:44:15
Hi Ylva!

Mit Bedauern lese ich, dass auch du an Krebs leidest. Meiner bringt mich wenigstens langsam um, keine Ahnung, ob du auch so viel "Glück" hast ... - ich wünsche dir jedenfalls das Beste.

Tja, was im Leben wirklich wichtig ist ... - ich stelle an mir fest: Je älter ich werde, desto weniger. Es ist, als würden all die hehren Unverrückbarkeiten früherer Jahre schwammig in der keimenden Erkenntnis versickern, dass letzten Endes nichts bleibt und nichts eine Rolle spielt. Erfahrung und Gefühle sind nur für den wichtig, der sie sammelt, empfindet und an jene weitergibt, die ebenfalls sterben werden. Nichts ist von Dauer, und angesichts der absoluten Gleichgültigkeit des Universums auch nicht von Bedeutung oder Sinn, die über das hinaus reichen, was sie dem jeweiligen Individuum bedeutet haben. Mit jedem Tod endet ein eigenes Universum, nur das materielle "Basis-Setting" bleibt und trägt das Leben weiter, so lang es möglich ist. Und wenn auch das endet, hat das Universum nichts falsch gemacht.
Alles ist und bleibt Entropie, und die Metaebenen des Geistes, der Fantasie und der Emotion blühen nur mit jeder Geburt stroboskophaft auf für schmerzlich kurze, freud- und leiderfüllte Momente im kalten Kosmos, ehe sie für alle Zeit verlöschen.
Wir bedeuten nichts über uns selbst hinaus. Selbst wenn unser Bild für Generationen weitergetragen wird, selbst wenn wir ganze Kulturen schaffen und überdauernde Monumente - in den Abgründen der Zeit ist all dies letztlich verloren und vergeblich. Selbst unsere Echos in der Erinnerung der Nachkommen verklingen, verblassen, verwischen.
Der Sinn, den wir uns verleihen, erwächst immer nur aus uns selbst, und er stirbt mit uns zur Welt hinaus.

Was kann also angesichts dessen wirklich wichtig sein und bis zuletzt bleiben? Das muss jeder - wie alles - für sich selbst bestimmen.

LG, eKy

Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: hans beislschmidt am Februar 14, 2021, 10:55:43
Lieber Erich,
Lassen wir das Leben endlich in Ruhe, es ist endlich.
Mal sind es Pyramiden, mal Bücher, oft genug auch Enkelkinder aber egal wie tief die Haken in der Kletterwand stecken, irgendwann erodiert die größte Bemühung Unsterblichkeit zu erlangen und auch der beste Freeclimber verschwindet einmal im Nichts und wird zu Staub.
Ein ganz ähnliches Phänomen beobachte ich bei Menschen, die täglich ihre persönliche Schatzkammer besuchen und nachzählen, ob ihre Immobilien, Fonds, Plunder und Reisebuchungen noch vollzählig sind. Dabei versuchen sie doch nur ein paar Versatzstücke von damals über die Zeit zu retten, als gäbe es für solche Utensilien noch Belobigungen wie Verdienstkreuze oder Jahresbüffet für Mitarbeiter im Ruhestand. Leider vergessen diese "Nahtoten", dass sie wichtige Zeit vergeudet haben um Ordnung und Struktur in ihr Dasein zu bringen und Bescheidenheit und Ehrfurcht vor der letzten Kurve zu erlernen, bevor es über die Ziellinie geht.
Nichts lässt sich konservieren und selbst Mumien sind nur für chemische Laboruntersuchungen interessant. Es ist sinnlos sich mit der Zeit anzulegen, als wüsste irgend jemand um die Vorzüge irgendwelcher Ahnen.
Die Vergänglichkeit als metrische Zeiteinheit zu begreifen, der sich alles unterzuordnen hat, ob Religionsstifter oder Frisör ist nicht von Bedeutung.
Gruß vom Hans 
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: Erich Kykal am Februar 14, 2021, 11:27:57
Hi Hans!

Danke für deinen Beitrag, der bestätigt, was ich aussagen will. Was mich so traurig an alledem macht, ist eigentlich bloß, dass all das innerlich Gesammelte mit dem Tod verloren gehen muss, da es als Metaebene zur Realität nur für das lebendige, denkende, fühlende Subjekt von Bedeutung war. All die Erfahrungen und Erinnerungen eines Lebens, und was es aus uns gemacht hat und wie es uns definiert - alles vergeht.
Unsere Möglichkeiten, uns über diese unsere geistig-ideelle Metaebene auszutauschen, sind sehr begrenzt: Literatur, Tondokumente, Filme, Journalismus, moderne Medien. Und es sind immer nur kleine Einblicke ins innere Universum von anderen, Detailausschnitte, Brosamen. Und trotz dieser Begrenztheit und eingedenk der Unmöglichkeit, sich in seiner Gesamtheit weiterzugeben, versuchen wir es - beinahe verzweifelt - dennoch, die Welt um uns und nach uns zu beeinflussen, zu leiten, sie an uns zu beteiligen, selbst wenn es nur ein schwacher Schatten dessen ist, woran wir glaubten und wofür wir brannten, und was wir durchlitten, um die sein oder werden zu können oder zu müssen, die wir sind.

Gäbe es ein Leben nach dem Tode, solch ein Streben wäre unnötig, der Trieb nicht existent. Warum hätte ein Gott - so es ihn gibt - uns diesen Drang dann "einprogrammieren" sollen? Wenn wir es also dennoch versuchen, beweist es zumindest unsere seit je evidenten Zweifel an den religiösen Bedürfniskonstrukten über Paradiese oder Nirwanas, denn wären wir absolut davon überzeugt, wir versuchten kaum, uns dauerhaft über den Tod hinaus in Erinnerung und Kulturgedächtnis unseres Lebensumfeldes zu verankern!
Dieses Sehnen danach, dass "etwas von uns bleiben möge", sozusagen die kleinstmögliche Form der Unsterblichkeit, hat uns schon immer motiviert, seit wir Bilder in Steine kratzten oder Höhlenwände bemalten.
Und darum geht es denn auch letztendlich bei alledem: Das Verlangen danach, weiter zu existieren, ewig zu dauern, nicht altern und verfallen zu müssen. Im Gegensatz zu den meisten uns von Kindesbeinen an aufgedrängten Religionen und Philosophien kann ich an diesem Drang nichts Verwerfliches oder Unbescheidenes erkennen. Indes, die Biologie und Physik unserer Welt verbietet dies, und unsere Wissenschaft wird bestenfalls erst in Jahrhunderten nennenswert lebensverlängernde Lösungen dafür finden.

Und warum dieser Drang? Weil wir wissen, wieviel verloren geht, wenn wir gehen. Nicht Egoismus oder Verlangen nach etwas, das uns laut schicksalsergebener Einflüsterung gängiger Moral nicht zustünde, sondern weil wir uns nicht mit dem Gedanken abfinden wollen, dass all die Mühe der angesammelten Lebenserfahrung letztlich vergeblich gewesen sein soll, bestenfalls verkrüppelt weitergebbar und mit dem Ende obsolet, verschwunden aus der Welt.
Dieses kalte Damoklesschwert absoluter Bedeutungslosigkeit für das Universum, das von Geburt an über jedem denkenden sterblichen Wesen hängt, macht uns zu Träumenden. Wenn wir schon keine Elben, Elfen, Engel, Superhelden, Götter oder Geistwesen sein können, dann erfinden wir sie eben, um sie an unser statt ein Leben in Weisheit und Unsterblichkeit haben zu lassen ...

LG, eKy

---------------------------------

PS:

U.a. noch unkommentiert:

http://www.dielyrik-wiese.de/lyrik-wiese/index.php?topic=6854.msg39328#msg39328
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: hans beislschmidt am Februar 14, 2021, 12:11:57
Lieber Erich, da bist du noch ein Stück weiter in die Thematik eingestiegen und den göttlichen Code ins Spiel gebracht. Dieses Paradoxon haben schon viele beackert und als Filmfan fällt mir sofort Ridley Scotts The Blade Runner ein. Auch hier wollen sich die Replikanten nicht mit der ihnen zugeteilten Lebenszeit begnügen. Gruß vom Hans
Grandiose Schlussszene
RIP Rudger Hauer
https://youtu.be/HU7Ga7qTLDU
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: Erich Kykal am Februar 14, 2021, 19:05:25
Der schreibt sich "Rutger".

Natürlich, wer kennt die Szene nicht, der sich für Science Fiction interessiert? Das Urdilemma selbstbewusster Lebewesen.

Ich habe viel darüber nachgedacht, seit ich jünger war und selbst noch bemüht, Spuren zu hinterlassen oder irdischen Ruhm zu erlangen. Bis ich herausfand, dass ich mit alldem eigentlich nur die Erniedrigung durch die Verachtung kompensieren wollte, die mir als Jugendlicher von manchen Gleichaltrigen entgegengeschlagen war. Die Einsicht in die Jämmerlichkeit dieser Bedürftigkeit nach Bestätigung von außen brachte mich zur Vernunft.

Seither kann ich damit leben, dass meine Erinnerungen und Erfahrungen, kurz, die Definition meines Selbst, letztlich nur für mich als individuellen Träger von Bedeutung sind und sein sollten. Dass all das mit meinem Ende erlischt, wird mich hinterher ohnehin nicht mehr berühren, und im Davor habe ich nicht vor, mir dadurch die eh so knappe Lebenszeit vergällen zu lassen. Zu leben an sich sollte jedem von uns genug sein, und wer das Geschenk nicht annehmen will oder kann, hat genug Möglichkeiten, sich zu beenden.  ;)

LG, eKy
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: Sufnus am M?RZ 02, 2021, 15:22:12
Hi eKy!
Der "Room of one's own" ist ein Kernthema der modernen Literatur und gerade unter den Lyrikern finden sich viele, die ihr Werk einer erzwungenen oder selbst gewählten Isolation abgerungen haben,  ja mir scheint, dass gerade unter den Poeten der Zurückgezogenheit solche zu finden sind, deren Bilder- und Gedankenreichtum besonders zu begeistern weiß. Hölderlins Gedichte aus der Zeit im Tübinger Turm sind uns, die wir mit Normalität gestraft sind, kaum verständlich, und doch weht uns zumindest eine Ahnung von der Anderwelt aus diesen Versen entgegen. Auch Emily Dickinson, vielleicht die erste wahrhaft moderne Stimme der angelsächsischen Dichtung, verlebte die letzten Jahrzehnte ihres Lebens hauptsächlich in ihr privates Zimmer zurückgezogen und pflegte mit kaum einer Handvoll Menschen Kontakt (und den größtenteils brieflich). War es bei Hölderlin die geistige Disposition (und mehr oder weniger "sanfter" Zwang) und bei Dickinson wohl schlichte Menschenscheu, so zwang Heinrich Heine die Krankheit ein Zurückgeworfensein auf die "Matratzengruft" auf. Aber auch abseits dieser extremen Beispiele lassen sich von Uhland bis Johannes Kühn zahllose Dichter benennen, die wir zumindest nicht zu den allergeselligsten Menschen rechnen dürfen. Vielleicht ermöglicht gerade der (teilweise) Rückzug in innerliche Welten, einen Zugang zu einem Schreiben, welches das eigentlich Unsagbare in Worte kleidet. :)
LG!
S.
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: Erich Kykal am M?RZ 02, 2021, 15:38:01
Hi Suf!

Danke für die guten Beispiele.  :)

Ich gehöre dazu, denn wie du (hoffentlich) weißt, lebe ich sehr zurückgezogen, fast eremitär. Das hat mehrere Gründe, vom gekränkten, weil gemobbten Knaben in mir bis hin zu erlebten Enttäuschungen (wobei ich wechselweise Enttäuschter wie Enttäuscher war) im Laufe des Lebens. Auch eine gewisse Soziopathie (Asperger-Randbereich) und eine Ungelenkheit wie rasche Überforderung im sozialen Spiel tragen dazu bei.

Ich schreibe von einst Erlebtem aus meiner sicheren "Festung der Einsamkeit" heraus, deren Tür ich selbst hinter mir geschlossen habe.

LG, eKy
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: Sufnus am M?RZ 02, 2021, 15:46:48
Ja, Du bist ein interessanter Fall, lieber eKy! Dein Hochschätzen des Für-sich-seins (ich denke, es ist sogar ein tiefes Bedürfnis von Dir) kontrastiert ja durchaus mit Deinen, gerade eben wieder bewiesenen, sozialen Fähigkeiten hier im Forum. Hans und ich sind doch dagegen noch auf einer etwas schlichteren Stufe des sozialen Komments verblieben - ich gestehe es frei heraus... einer schönen Keilerei, sofern sie mir denn ungefragt angedient wird, vermag ich kaum aus dem Wege zu gehen, wenn ich mich bei selbiger auch lieber des Degens als der Keule bediene. Nunja... anderes Blatt...  >:D
Jedenfalls darf man hinter Deiner Selbstdiagnose, einer Aspergeresken sozialen Unangepasstheit doch ein kleines Fragezeichen setzten. Wenn dies zuträfe, kämst Du wohl auch mit den halbreifen Rackern nicht klar, denen Du Dich berufsbedingt widmen musst. ;)
LG!
S.
Titel: Re: Der Raum in dir
Beitrag von: Erich Kykal am M?RZ 02, 2021, 19:09:29
Hi Suf!

Deshalb verortet mich die Diagnose ja auch nur im Randbereich - ich habe gewisse Symptome, aber gerade nicht genug für eine eindeutige Zuordnung.

Schule ist für mich manchmal schon etwas fordernd und nervig, aber es ist ein kontrollierbares Environment, wo strikte Regeln gelten und Konsequenzen ins Fenster gehängt werden können. Das hilft, soziale Inkompetenz einzudämmen.

Dass ich in diesem Fall die "Stimme der Vernunft" war, ist Zufall der Rollenverteilung. Hab mich selbst auch schon oft genug gefetzt, auch mit Hans, nebenbei. Wenn man emotional involviert ist, fällt es oft nicht leicht, Übersicht und Sinn für Verhältnismäßigkeit zu wahren.

Wenn es passiert, dass mir jemand in den Foren komplett quersteht - selten aber doch - dann mag es durchaus sein, dass ich selbst auch wieder Krieg führe, wohl wissend, dass es nix bringt - aber es erleichtert auch irgendwie, wenn man zuweilen die Sau rauslassen darf, vor allem, wenn man von einem "Zwiderling" per Kränkung und Herabwürdigung (ob real oder "passend" interpretiert) quasi dazu "eingeladen" wird ...

Ach, der Mensch ist schwach ...  ::) ;D >:D

LG, eKy