die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Ach Natur Vergissmeinnicht => Thema gestartet von: Grüngold am Dezember 11, 2020, 11:05:00
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Ich sah der Wiese einz'ge Chrysantheme stehen
Ich sah der Wiese einz'ge Chrysantheme stehen.
Sie war, als ob sie feiern wollte, rot.
Da sprach ich freudig im Vorübergehen:
"So tapfre Blüten wenden alle Not!"
Anlass des Gedichts:
Im November 2020 sah ich tatsächlich auf meiner Wiese im Halbschatten eines Baumes eine Chrysantheme blühen!
Wie ein Wunder aus einer anderen Welt!
Ich kann mich gar nicht erinnern, dass ich sie jemals absichtlich dorthin gepflanzt hätte.
Ihr Wurzelwerk muss in jener Erde dabeigewesen sein, die ich einmal von meinem Garten dorthin gebracht habe.
Und ich war wirklich sehr freudig überrascht, die Blüte jener Chrysantheme zu sehen.
Hier zum Vergleich das berühmte Gedicht von Friedrich Hebbel:
Sommerbild
Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:
So weit im Leben ist zu nah am Tod!
Und über jene Chrysantheme habe ich dann im Dezember wieder Neues gedichtet.
Kann ich die Fortsetzung dann hier im Thread posten - oder soll ich dafür dann einen neuen Thread eröffnen?
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Hi GG! (in der Weinfachsprache würde das nicht Grüngold sondern Großes Gewächs bedeuten, aber das ist ja auch nicht so schlecht... :) )
Ein wunderbar passender Einstand für die Wiese! Und Lyrik die aus konkreter Erfahrung schöpft, wie von Dir geschildert, hat immer einen gewissen Startvorteil gegenüber reinem Gedankengeschwurbel :)
Außerdem packst Du auch noch jede Menge Metatext in Deine vier Zeilen - die Anspielung auf Hebbels staunenswerte Zeilen hast Du schon erklärt.
Daneben ist die Chrysantheme ausgerechnet auch noch ein ziemlich zwielichtiges Symbol: Im fernen Osten steht sie für Peking, das japanische Kaiserhaus und ewiges Leben, insbesondere in der weißblühenden Form aber auch für den Tod, letztere Bedeutung besitzt sie auch (unabhängig von der Blütenfarbe) in vielen katholisch geprägten Ländern Europas. Und mit der letalen Nebenbedeutung spielt btw. auch die traditionelle Art, Fugo-Sashi (Sashimi vom Kugelfisch) zu servieren: Die (bei unsachgemäßer Zubereitung todbringenden) Häppchen werden in Form einer Chrysanthemenblüte arrangiert. Weiterhin gibt es einen chinesischen Ausdruck, wörtlich ungefähr: Chrysanthemen-Tor, der eine unaussprechliche Bedeutung besitzt.
Vielen Dank für diese Zeilen, lieber GG! :)
S.
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Als leidenschaftliche Gärtnerin haben mich Deine Verse sofort angesprochen. Sufnus hat bereits über die Tiefenschicht der Symbolik interessantes geschrieben.
sehr gerne gelesen, AlteLyrikerin.
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@ Sufnus und AlteLyrikerin
Habt Dank für eure guten Worte! :)
Sie haben in mir Kindheitserinnerungen wachgerufen an die Allerheiligen-Zeit früherer Jahre. Da sah ich als Kind auf unserm Dorf-Friedhof vor allem jene großblumigen Chrysanthemen, die heute wohl "aus der Mode" gekommen sind. Vielleicht gerade, weil man sie nur noch als typische Friedhofsblumen sah. Für mich als Kind waren die Friedhöfe zu Allerheiligen keineswegs ein unheimlicher Ort des Todes, sondern geradezu ein festlicher Anblick: ein buntes Blumenmeer - und abends ein Lichtermeer, der vielen Laternen wegen. Und ich gehe auch heute noch gerne auf Friedhöfe.
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Ein paar Tage später habe ich mein Gedicht etwas variiert. Und habe es gedanklich dann näher an das Hebbel-Gedicht gerückt. Wohl auch, weil meine Stimmung an jenem Tage etwas melancholischer war:
Ich sah der Wiese einz'ge Chrysantheme stehen.
Sie war, als ob sie feiern wollte, rot.
Und auch ihr Rot wird noch vorübergehen,
und eines Tages kommt dann auch für sie der Tod.
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Und nun zum dritten Schritt und der dritten Version. Denn noch ein paar Tage später habe ich die Wiese dann wieder besucht und meine Chrysantheme dort noch lebend angetroffen. Etwas verblüht wohl, aber auch im Verblühen noch schön.
Spontan habe ich dann gleich auf der Wiese diese 4 Zeilen gedichtet:
Ich sah der Wiese einz'ge Chrysantheme stehen.
Sie war verblüht, doch ihre Blätter frisch und grün.
Da sprach ich freundlich im Vorübergehen:
"Sei nur getrost! Du wirst auch in den nächsten Jahren wieder blühn!"
Jene Chrysantheme ist für mich nun wie ein Symbol für Tod und Auferstehung :)
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Hi GG!
Gefällt mir gut! :)
Hebbel's Verse: 5555
Metrum deiner Verse:
1) 6555
2) 6556
3) 6657
Im Optimalfall (wie bei Hebbel) sind alle Zeilen gleich lang. Wenn man die Heberzahl wechselt, sollte die Abfolge einer logischen, nachvollziehbaren Struktur folgen und gleich für alle Strophen bleiben. Deine mittlere Version hat so eine Abfolge (mittig gespiegelt).
Deine erste Version wäre okay, hättest du sie in allen anderen Vierzeilern beibehalten, wenn du sie alle als einheitliches Gedicht eingestellt hättest: 6555 - 6555 - 6555
Version 3: Die letzte Zeile mit 2 Hebern Überlänge hätte ich vermieden, zB so: "Sei nur getrost: Du wirst aufs neu erblühen!" (6555 wie Version 1) oder "Sei nur gestrost - schon bald wirst du erneut erblühen!" (6556 wie Version 2).
Da die Versionen alle als einzelne Vierzeiler nur für sich stehen, wäre Version 2 die einzige metrisch ausgeglichene. Für die beiden anderen empfehle ich dasselbe Raster, oder zumindest andere regelmäßige Abfolgen des Heberwechsels. Diese wären beim Vierzeiler insgesamt: 6565, 5656, 6556, 5665
Gern gelesen!
LG, eKy
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Hi GG!
Gefällt mir gut! :)
Das freut mich! :)
Zur Metrik ist zu sagen: Du hast sicher recht!
Doch es war nicht meine Absicht, es Hebbel in allem gleichzutun.
Und die Gedichte entstanden auch nicht am Schreibtisch und aus einem Guss, sondern jedes für sich spontan aus der Situation heraus auf der Wiese. :)
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Nun schreiben wir September 2022.
Noch etwas zu früh für Chrysanthemen.
Aber vielleicht werde ich im Dezember meine Chrysantheme wiedersehen.
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Ich sah der Wiese einz'ge Chrysantheme stehen
Ich sah der Wiese einz'ge Chrysantheme stehen.
Sie war, als ob sie feiern wollte, rot.
Da sprach ich freudig im Vorübergehen:
"So tapfre Blüten wenden alle Not!"
Anlass des Gedichts:
Im November 2020 sah ich tatsächlich auf meiner Wiese im Halbschatten eines Baumes eine Chrysantheme blühen!
Wie ein Wunder aus einer anderen Welt!
Ich kann mich gar nicht erinnern, dass ich sie jemals absichtlich dorthin gepflanzt hätte.
Ihr Wurzelwerk muss in jener Erde dabeigewesen sein, die ich einmal von meinem Garten dorthin gebracht habe.
Und ich war wirklich sehr freudig überrascht, die Blüte jener Chrysantheme zu sehen.
Hier zum Vergleich das berühmte Gedicht von Friedrich Hebbel:
Sommerbild
Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:
So weit im Leben ist zu nah am Tod!
Und über jene Chrysantheme habe ich dann im Dezember wieder Neues gedichtet.
Kann ich die Fortsetzung dann hier im Thread posten - oder soll ich dafür dann einen neuen Thread eröffnen?
mein erstes Gedicht hier