die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Drum Ehrlichkeit und Edelweiß => Thema gestartet von: Erich Kykal am Oktober 03, 2020, 11:45:19
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Ich bin der Schatten, der den Tag umlauert,
der aus mir wuchs und zu mir wiederkehrt,
verlebt, vertan, gebrochen und versehrt.
Ich bin die Nacht, die seinen Grabstein mauert.
Ich bin die Dunkelheit nach allem Lichte,
die letzte Wahrheit, die dem Willen bleibt,
der reuevoll in meine Arme treibt.
Ich mache die Erinnerung zunichte.
Ich bin die Stille nach dem Lärm des Lebens,
das viele Gründe für sein Gieren hegte,
doch niemals einen einzigen begriff.
Ich bin die große Leere des Vergebens,
das Innehalten, wenn der Sturm sich legte,
der Grund des Ozeans für jedes Schiff.
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Hallo Erich,
eine sehr schöne Verdichtung eines nicht religiösen Erlösungsbegriffes bietest Du mit diesem sehr gut geschriebenen Sonett. Das las auch ich gerne, obgleich ich den Erlösungsbegriff anders fasse. Mit Genuss gelesen, AlteLyrikerin.
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Hi AL!
Erlösung kann vieles sein und sich in vielem finden. Die meisten suchen danach, wenn sie sie brauchen, und wer sie findet, kommt dankbar zur Ruhe. Die "Religiösen", wie du sagst, verbinden damit eine göttliche Gnade, die gewährt oder verdient werden muss.
Unterschieden muss daher werden zwischen der "allgemeinen" Erlösung als Prinzip des Glaubens nach den religiösen Welterklärungsmodellen, und der induviduellen, öfter erlebbaren Erleichterung von vieler Art Beschwernis für den Einzelnen auf seinem Lebensweg.
Vielen Dank für deine freundlichen Worte! :)
LG, eKy
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Toll geschrieben, lieber Erich!
Am Anfang ist der Tod als Schatten und Dunkelheit noch der Widersacher und Besieger des Lebens, bekommt als Stille etwas Freundliches und als Leere schließlich etwas Neutrales.
Chapeau und Gruß von gummibaum
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Hi Gum!
Die Deutung des Todes als hier gemeinte Erlösung liegt nahe, war allerdings nicht meine alleinige Intention. Erlösung kann man auch erfahren, ohne zu sterben. Manche Schiffe unseres Lebens sinken, Pläne zerschlagen sich, Schuld wurde auf sich geladen - doch irgendwann vermag man sich davon zu lösen, mit sich ins Reine zu kommen, es zu bewältigen und hinter sich zu lassen. Es muss nicht immer der ultimate Tod sein, der Erlösung bringt.
Von daher sind Tod und die hier betitelte Erlösung nicht unbedingt identisch.
Vielen Dank für das begeisterte Lob! :)
LG, eKy
PS: Hab heut noch ein weiteres Sonett verfasst und hier in derselben Rubrik eingestellt, weil beide eben hierher gehören. Ich sag das nur am Rande für den Fall, dass du es vielleicht übersehen hättest ...
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hi erich,
noch selten hatte jemand zur leere und stille so viel zu sagen.....😊
aber das ist ja auch das erstaunliche: gerade in das nichts kann man das meiste hineinlegen.
und so bewegen wir uns zeitlebens
gedanklich zwischen den großen antipoden: fülle und leere, licht und schatten, tod und leben, sog i jetzt was oder sog i nix.....
um vielleicht irgendwann mal zu erkennen:
es is eh wurscht - willsagen : gleich-gültig!
was uns dann aus der schier endlosen qual des beurteilen und bewerten-müssens sowie des beurteilt und bewertet werdens entließe.
wahrlich eine erlösung!
feines sonett!
lg larin
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Hi larin!
Religionen wie der Buddhismus propagieren das Erreichen dieser völligen Leere ja sogar als höchsten Akt der Vergeistigung, um ganz frei von Wollen und Begierde zu sein - Nirwana.
Ich habe bezüglich der "Vollkommenheit" dieses Zustandes so meine Vorbehalte, negiert er doch menschenswesentliche Aspekte wie Kreativität und Empathie, die ursächlich durch das Drehmoment menschlicher Motivation betrieben werden. Wer sich innerlich völlig entleert, hört auf, Mensch und Persönlichkeit zu sein, auch im positivsten Sinne. Und möchte man sich einen völlig emotions- und antriebslosen Gott vorstellen, eine Art Computer sozusagen? Lieber nicht ...
Leere kann gut und heilsam sein, aber allumfassend sollte sie nie werden, oder wir hören mitten im Leben auf zu sein. Meine Leere erstreckt sich also nur auf jeweilige Teilaspekte unseres Seins und Wollens. Das mag gesund sein.
Vielen Dank für deine vertiefenden Gedanken! :)
LG, eKy
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Das ist so tiefsinnig wahnsinnig gut ausgedrückt ! :)
deckt sich mit meinem Beitrag "fühlen"
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Hi Graf H!
Spät, aber doch: Vielen Dank für den Lorbeer! :)
LG, eKy