die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Verbrannte Erde => Thema gestartet von: Erich Kykal am Mai 30, 2016, 22:55:12
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Verhärmt, gebeugt, aus einer fremden Welt gesunken
beinahe schon, die sie nicht wiederkennt und weiß,
so ruht sie aus. Ein bunter Falter flattert trunken
an ihrem Blick vorbei, der Garten summt von Bienen,
und ihre Seele tritt aus Augen, träumetrüb und greis
in Sommer der Vergangenheit und lebt in ihnen.
Die welken Knotenhände, die einander bebend finden,
als suchten sie sich Trost zu sein und bangen Halt
ihr in das müdgeschlagene Mutterherz zu binden,
erhebt sie manchmal fahrig, beinah so, als grüßte
sie einen lieben, lang vermissten Sohn, doch bald
erkennt sie Leere dort, wo er sie grüßen müsste.
Dann sinkt sie wieder einwärts in die blassen Bilder
aus überlebter Zeit und schöpft sich Ruhe dort;
und Atemzug um stiller Atemzug erstreckt sich milder
in ihr Gesicht, auf dem die ungezählten, tiefen Falten
- gerade so, als formten sie ein allerletztes Wort -
ein fast verträumtes Lächeln auf den Zügen halten.
Aus dem Buch "Weltenwege", leicht korrigiert.
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Lieber Erich,
ich müßte in dem Band suchen, um die leichten Korrekturen auszuspüren.
Ich bin mir jedoch sehr sicher, daß ich dieses Gedicht - wenn nicht hier, dann woanders - kommentiert habe.
Es hat nichts von seiner Faszination verloren; die Bilder sind frisch wie von Anfang an.
Ein Gedicht wie ein Portrait, ein Portrait im Gedi ht.
Einfach schön!
Lieben Gruß
von
Cypi
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Hi Cypi!
Auf jeden Fall kanntest du es schon - es stammt sozusagen aus der Frühzeit meines Schaffens nach 2005.
Viele meiner früheren Werke sind nicht in den aktuellen Foren vertreten, da die Foren, wo ich sie damals publizierte, nicht mehr existieren und ich sie damals nie transferierte.
LG, eKy
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Ein Lesegenuss, lieber Erich.
Schöne. eindrucksvolle Bilder: Eine alternden Frau, mit all den Schönheiten eines Abends.
Eines Lebensabends. Wunderbar verdichtet.
Seufzend gelesen!
Liebe Grüße dir
Jonny
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Hi Jonny!
Willkommen hier! Vielen Dank für deinen Kommi.
LG, eKy
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ein Gedicht wie ein Bild, Erich. Eine alte Frau, in deren Bild man schon den Tod spürt, in einer Welt befindlich, die nicht mehr ganz hier und nicht mehr ganz dort ist. Behutsam und zart hast du das beschrieben. Ein sehr schönes Gedicht, wie eine Ode an "die Alten".
LG von Agneta
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Hin und wieder wage ich mich an Bleistiftzeichnungen.
So auch hier vor Jahren.
Selbstverständlich glückte das nicht.
Aber das Bild trage ich nach wie vor in mir.
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ich kann leider nicht malen, aber man möchte es malen, das Gedicht. Der Gedanke kam mir ach. Stell doch deine Zeichnung einmal dazu, sie würde mich interessieren, Cyparis. :)
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Die Bleistiftzeichnung ist längst den Weg alles Irdischen gegangen. :)
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Tolles Gedicht. Die Alte tritt plastisch vor Augen, äußerlich wie innerlich.
Entzückte Grüße
gummibaum
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Dann sinkt sie wieder einwärts in die blassen Bilder
aus überlebter Zeit und schöpft sich Ruhe dort
moin moin Erich,
für dieses, dein Können, mit Worten Bilder entstehen zu lassen, die so bestimmt schon oft gedacht wurden, aber nie so lyrisch beschrieben wurden, danke ich dir.
LG
CB
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Hi Agneta, Cyparis, Gum und Curd!
Da habt ihr im Laufe der Zeit alle eure Gedanken beigesteuert - und ich habe es bis jetzt nicht bemerkt! Vielen Dank dafür! :)
Dies ist eins von meinen ziemlich alten Werken von vor etwa 10 - 12 Jahren. Mehrere mir bekannte "alte Frauen" standen dabei Pate, unter anderem meine Mutter. An den Tod dachte ich beim Schreiben nicht, wollte nur die versonnene Gleichmut vieler alter Menschen verdeutlichen, auch angesichts im Leben erlebten Schmerzes, der einen dann und wann einholt.
LG, eKy
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der einen dann und wann einholt.
Wie wahr, wie bitter wahr.
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Ach, gute Anne!
Wer, der nur lang genug gelebt hätte, hätte diese Erfahrung nicht gemacht ...? :-\ :-[
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Hallo Erich,
auch über das Hinaufholen dieses Gedichtes bin ich sehr froh. Ein liebevoll gezeichnetes Porträt, das aber dennoch den Schmerz des Alterns nicht verleugnet. Doch der Schmerz ist nicht das Bestimmende. Er ist da, wie die Realität, die nicht immer gestaltet werden kann, wie es schön wäre. Aber es bleibt die höhere Weisheit des Lächelns.
Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.
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Hi AL!
Vielen Dank für die freundlichen Worte und den den philosophischen Mehrwert! :)
LG, eKy