die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Wo Enzian und Freiheit ist => Thema gestartet von: galapapa am Juni 30, 2015, 12:48:01
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Bleiern liegt die Stille in den Gassen -
späte Stadt trägt sternenlose Nacht.
Finsternis ist mit der Hand zu fassen
und die Zeit hat scheinbar Halt gemacht.
Dann ein Knirschen auf den Pflastersteinen,
Kummerschritte, melancholisch schwer,
hingeschlurft von lebensmüden Beinen -
Einsamkeit schleicht hinter ihnen her.
Nichts ist in der Schwärze zu erkennen,
das Geräusch entfernt sich Stück um Stück,
scheint sich von der Wirklichkeit zu trennen.
Unsichtbares Schweigen kehrt zurück.
Bis vom Kirchturm, gnadenlos metallen,
laut die große Glocke viermal tönt,
wie versteinert und im Widerhallen
Grauen in das stumme Dunkel stöhnt.
Kühle Luft zieht durch den frühen Morgen,
streift ganz sacht den Trauerweidenbaum.
Neuer Tag steigt blass-türkis verborgen
östlich aus dem Horizontensaum.
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Hi, Charly!
Gut geschrieben - die Stimmung hast du hervorragend eingefangen!
S2Z3 - Leerstelle zuviel vor "Beinen".
S3Z4 - Ein Heber zuviel. Altern.: "Und das dunkle (dumpfe, grause, stumpfe, schwere, ...) Schweigen kehrt zurück."
Das Wort "Horizontensaum" klingt für mich etwas bemührt hingebastelt, um in den Takt zu passen. Wie wäre: "Athmosphärensaum"?
Sehr gern gelesen und beklugscheißert! ;) :D
LG, eKy
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Hallo Erich,
danke für Deinen Kommentar und Dein Lob!
Dank auch für Deine Fehlerhinweise und fürs "Zählen"!
Bei "Horizontensaum" möchte ich unbedingt bei "Horizot" bleiben. Horizontensaum ist nicht gebastelt, sondern erforderlich, da Horizontsaum grauenhaft klingt.
Ich würde auch in Alltagssprache den Begriff so aussprechen, mir erscheint da nichts ungewöhnlich.
Liebe Grüße!
Charly
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HI, Charly!
Also für mich Klingt eines so schlimm wie das andere. "Horizontsaum" spricht sich hart und klingt nicht - zuviele Zischlaute!
Aber "Horizontensaum" klingt m.E. einfach falsch. Man sagt ja auch: "Ich sehe den Horizont." und nicht: "Ich sehe den Horizonten."!
Du magst einwenden, es sei ja auch gleich, ob man nun "Kirchuhr" oder "Kirchenuhr" sagt, aber das stimmt, dneke ich, nicht ganz:
"Kirchuhr" meint die Uhr an einer bestimmten Kirche (Uhr der Kirche) - hier geht der Sprecher von der Kirche als dem wichtigeren Objekt aus, während eine "Kirchenuhr" schlicht das Objekt an sich bezeichnet, das auch in einem Museum stehen könnte oder auf einem verstaubten Dachboden.
Aber egal, ob das nun sprachlich ganz korrekt ist oder nicht - in meinem Ohr klingt es irgendwie - falsch, bemüht. Vielleicht liegt es auch daran, dass der "-en"-Trick nicht bei allen Wörtern funktioniert - oder gleich gut funktioniert.
Und inwiefern ist ausgerechnet der "Horizont" so wichtig für dich? Das hast du nicht erklärt, und ich versteh's nicht. Nun, vielleicht hat man ein einmal gefasstes Bild im Kopf zu lieb gewonnen, als dass man sich davon trennen wollte, und dem Bild zuliebe verzichtet man auf sprachliche Eleganz und guten Klang. Kann ich im allgemeinen nachvollziehen, aber ausgerechnet zu "Horizontensaum"???
Aber klar - es ist dein Gedicht, also nix für ungut. ;) :D
LG, eKy
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Hi Erich,
nun, Atmosphäre ist für mich etwas völlig anderes als Horizont , und müsste es nicht heißen "Atmosphäresaum"? Man sagt ja auch nicht, "der Planet hat eine Atmosphären". Außerdem ist der Begriff im vorliegenden Zusammenhang fehl am Platz.
Ich opfere nicht den Inhalt der Aussage meines Textes der spachlichen Eleganz und auch nicht dem Klang und ich meine, wenn im allgemeinen Sprachgebrauch Ausdrücke wie Tiefenmessung, Trachtenkleid oder Buchenstamm üblich sind, weil Tiefemessung, Trachtkleid oder Buchestamm nicht klingt, dann muss es in einem lyrischen Text auch möglich sein, "Horizontensaum" zu schreiben. Ein Buch mit Gedichten lese ich mit anderen Erwartungen als ein Grammatikbuch.
Trotzdem danke für Deine kritischen Anmerkungen, aber das ist eben meine Meinung, also nix für ungut. ;) :D
LG, Charly
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Später, lieber Charly - später!
(Ich muß schnellstens noch einkaufen - bin brotlos)
Ich hoffe, Du entwischst nicht wieder für lange Fristen!
Lieben Gruß
vom
Cyparis
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Hi, Charly!
Das "e" am Ende von "Athmospäre" bedingt das "n" in zusammengesetzten Worten. Dies mit dem obigen Fall zu vergleichen haut so gar nicht hin! >:D
Und wie gesagt - du musst dich nicht rechtfertigen: Es ist dein Text, und ich habe bloß meine Meinung dazu kundgetan. Nicht dass ich gedacht hätte, es würde was bringen! Dazu weiß ich schon zu gut, wie resistent du gegenüber manchen - aus meiner Sicht - guten Ratschlägen bist. Aber ich mache dir das nicht zum Vorwurf, denn es mag sein, dass es dir und anderen mit mir ebenso ergeht! ;)
Und zu deinem letzten Argument: Ich halte nur sprachlich korrekte Lyrik für gute Lyrik. Natürlich lese ich ein Gedichtbuch mit anderen Erwartungen als ein Grammatikbuch (Wer liest übrigens sowas???), aber auch von Gedichten, gerade den gereimten, erwarte ich - abgesehen von gewissen Kniffen und Wortspielereien - das Einhalten gemeingültiger Sprachregeln.
Im vorliegenden Fall bin ich auch gar nicht sicher, ob deine Formulierung wirklich grammatikalisch falsch ist, ich schrieb entsprechend ja, dass es mir so scheinen will. Für mich entscheidend ist hier die - aus meiner Sicht - Hässlichkeit des Wortes in deinem ansonsten hochlyrischen Text. Aber das ist eben Geschmacksache.
LG, eKy
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Bleiern liegt die Stille in den Gassen -
späte Stadt trägt sternenlose Nacht.
Finsternis ist mit der Hand zu fassen
und die Zeit hat scheinbar Halt gemacht.
Dann ein Knirschen auf den Pflastersteinen,
Kummerschritte, melancholisch schwer,
hingeschlurft von lebensmüden Beinen -
Einsamkeit schleicht hinter ihnen her.
Nichts ist in der Schwärze zu erkennen,
das Geräusch entfernt sich Stück um Stück,
scheint sich von der Wirklichkeit zu trennen.
Unsichtbares Schweigen kehrt zurück.
Bis vom Kirchturm, gnadenlos metallen,
laut die große Glocke viermal tönt,
wie versteinert und im Widerhallen
Grauen in das stumme Dunkel stöhnt.
Kühle Luft zieht durch den frühen Morgen,
streift ganz sacht den Trauerweidenbaum.
Neuer Tag steigt blass-türkis verborgen
östlich aus dem Horizontensaum.
Ich hätte lediglich im letzten Vers geschrieben:
östlich aus des Horizontes Saum.
In der zweiten Strophe kommen mir die Adjektive nicht so ganz hundertprozentig geglückt vor, aber das liegt an mir selbst.
Vielleicht ist auch mein Hirnchen bei dieser Hitze nicht sehr leistungsfähig - wer weiß?
Kein sonett - von wannen rührt es?
Aber eine Stimmung: Dicht, komprimiert, deutlich, fühl- und erkennbar.
"Finsternis ist mit der Hand zu fassen" - unwahrscheinlich gut!!!!
Lieben Gruß
von
Cyparis
(ausgedörrt)
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Poesie pur.
Schön zu lesen.
Lieben Gruß
wolfmozart
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Lieber Charly,
Wunderschöne Poesie und die betonten Auftakte, die mich beim ersten Lesen irgendwie gestört haben, haben eine interessante Wirkung: Ich kann die Schritte hören.
"unsichtbares Schweigen"?
Und wenn ich mich auch noch in die Horizont-Diskussion einmischen darf: Mir gefiele: Horizontesaum. :)
Lieben Gruß
charis
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Das ist eines der schönsten schwermütigen Gedichte, die ich bis jetzt gelesen habe, galapapa!
Ich konnte mühelos in diese Nacht eintauchen...
Sehr gern gelesen!
Liebe Grüße
Jonny
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moin moin Charly,
wieder ein Werk, bei dem man das Gefühl hat, dass die Worte in ihrer Eindringlichkeit den Leser zum Akteur der Szene machen. Es ist wie charis es schon beschrieben hat,
sehr gut gelungen.
LG
Curd