die Lyrik-Wiese

Blumenwiesen => Verbrannte Erde => Thema gestartet von: Erich Kykal am Juni 20, 2015, 10:41:25

Titel: Nachtgestalten
Beitrag von: Erich Kykal am Juni 20, 2015, 10:41:25
Die Nacht entbietet vielerlei Gestalten,
erprobte Schatten aus verlebten Jahren.
Gefährten meiner Tage, die sie waren,
beschreiben sie die Furcht, die sie verwalten:

Der Leib im Spiegel, er wird auch erkalten
wie alle anderen - die Menschenscharen,
gewesen und ins Nichts hinabgefahren,
ob jung an Jahren oder reich an Falten.

Und selbst die Namen, die wir noch behalten:
Entkernte Hülsen, von der Zeit entsegnet,
Memento mori ohne Klang und Leben!

Die Nacht entbietet vielerlei Gestalten,
doch wo die letzte deinem Blick begegnet,
vermag sie dich der Sorgen zu entheben.
Titel: Re: Nachtgestalten
Beitrag von: gummibaum am Juni 21, 2015, 16:21:03
Hallo Erich,

ich sehe Verstorbene im Traum vorbeidefilieren, die dem Träumer sein Ende prognostizieren. Im vorletzten Vers scheint es gekommen, so dass er sich -jenseits der Ängste-  schon unter den Schatten entdeckt.

Sehr gern gelesen
LG gummibaum

 
Titel: Re: Nachtgestalten
Beitrag von: Erich Kykal am Juni 21, 2015, 17:50:21
Hi, Gum!

So ist es. Und die letzte Gestalt (vorletzte Zeile) ist die von Gevatter Tod!

LG, eKy
Titel: Re: Nachtgestalten
Beitrag von: cyparis am Juni 22, 2015, 11:20:53
Einfach großartig, lieber Erich.

Obwohl ich mich immer wieder frage, wie gerade Du - mitten im blühenden Leben! - auf so düstre Gedanken kommst.

Meiner Bewunderung sind keine Grenzen gesetzt, obwohl ich dafür a.a.O. verspottet und geschmäht werde.



Lieben Gruß
von
Cyparis
Titel: Re: Nachtgestalten
Beitrag von: Erich Kykal am Juni 22, 2015, 18:09:35
Hi, Cypi!

Dazu ein Zitat von mir:

Spott und Häme sind die Rache der Wertlosen an jenen, die es nicht sind.


Das "blühende Leben" habe ich mit 51 schon weidlich hinter mir, möchte ich behaupten! ;) ;D

Vielen Dank für deinen erhebenden Zuspruch! :)

LG, eKy

Titel: Re: Nachtgestalten
Beitrag von: charis am Juni 23, 2015, 19:17:31
Lieber Eky,

Was ist da los? Schon wieder so ein düsteres Gedicht! Es scheint nicht ganz zur Jahreszeit zu passen, liegt es an der Sommersonnenwende?

Gefällt mir deine kunstvolle, altertümliche Sprache. Gerade zu diesem Thema. Es klingt, als hätte es ein Mystiker geschrieben.
Das Wort "entbieten" finde ich toll:  heute kennt man es nur mehr als "Beileid entbieten" und das scheint mir außerordentlich treffend in diesem Zusammenhang. 

Entkernte Hülsen von der Zeit entsegnet - ist mir dann doch ein bisschen zuviel des "guten Alten".

"Ihr Leib ist gesegnet", sagte man zu einer schwangeren Frau. Entsegnet finde ich gut! Eigentlich ist da aber eine Wiederholung: entkernt - entsegnet. Entkernt wird Steinobst, Früchte oder Samen in Hülsen (Erbsen zb) löst man eher aus. Warum nicht einfach: "Nur leere Hülsen.."?  Es soll ja offensichtlich ausdrücken, dass die Zeit die Erinnerung an Menschen verblassen lässt, die dem LI nahe standen. Entkernt klingt mir daher in diesem Zusammenhang irgendwie zu "hart" und als wären diese Menschen, schon vorher "leblos" gewesen.

Die letzten Verse drücken eine schöne philosophische Gelassenheit aus.

Sehr gerne gelesen und bewundert!

Lieben Gruß
charis
Titel: Re: Nachtgestalten
Beitrag von: Erich Kykal am Juni 23, 2015, 22:03:37
Hi, Charis!

Mit "entkernt" in der Bedeutung von "innen hohl" habe ich keine Probleme - zumal das "leer" lyrisch schon seit Jahrzehnten totgeritten ist!

Mit der morbiden Thematik ist es so: Entweder es handelt sich um Seelenhygiene, indem ich mir so einen Frust von der Seele schreibe und damit auch bewältige, oder es ist wie bei Galapapa: Ich habe einfach ein gewisses Faible für düstere Stoffe! ;)

Das "gute Alte" bemerke ich zuweilen gar nicht in dem Maße wie offenbar manche Leser - ich wuchs mit Hörspielschallplatten zuhauf auf, meist alter Märchenschatz mit lyrischer Sprache. Für mich ist das das "normale Deutsch". Zudem schätze ich die "alten" Ausdrücke und Phrasen oft höher als die moderne prosaische Nüchternheit und Funktionalität der Sprache und pflege sie gerne in meinem Zeilen, auch wenn mancher sie gar nicht mehr versteht!

Vielen Dank für dein freundliches Echo! :)

LG, eKy
Titel: Re: Nachtgestalten
Beitrag von: cyparis am Juni 24, 2015, 11:41:16
Zudem schätze ich die "alten" Ausdrücke und Phrasen oft höher als die moderne prosaische Nüchternheit und Funktionalität der Sprache und pflege sie gerne in meinem Zeilen, auch wenn mancher sie gar nicht mehr versteht!


LG, eKy

Dafür einen Extra-Gruß

von
Cyparis
Titel: Re: Nachtgestalten
Beitrag von: Erich Kykal am Juni 24, 2015, 15:06:09
Habt mannigfachen Dank für euren liebholden Zuspruch, vieledle Muhme!  ;) ;D
Titel: Re: Nachtgestalten
Beitrag von: cyparis am Juni 24, 2015, 18:08:00
Des Dankes, lieber Freund, hätte es nicht bedurft.
Eure hohe Wortkunst unermüdlich zu loben, ist mir hehre Pflicht! :)
Titel: Re: Nachtgestalten
Beitrag von: Letreo71 am Juni 24, 2015, 21:42:33
Hallo Erich,

die Sprache macht es besonders düster, mir lief ein Schauer über den Rücken.
Zitat
Ich habe einfach ein gewisses Faible für düstere Stoffe!

Dem ist wohl so! ;)

Hab es sehr gern gelesen und darüber nachgedacht.

Nächtlichen Gruß

Letreo
Titel: Re: Nachtgestalten
Beitrag von: Erich Kykal am Juni 24, 2015, 23:09:41
Hi, letreo!

Danke für die Rückmeldung! Den Schauer nehme ich als Kompliment! ;)

LG, eKy