die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Verbrannte Erde => Thema gestartet von: Erich Kykal am Juli 07, 2013, 10:09:04
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Die Zeit vergeht nicht mehr, sie geht vorüber
an einer Seele, die sie nicht mehr spürt,
nur wach noch liegt, da sie zu zäh ist, über
den Rand zu gleiten, der ins Leere führt.
Ihr Lied erklingt nicht mehr. Es flüstern Schatten
aus dem Erkalteten, das sie versiegelt,
und all die Wünsche, die ihr Wollen hatten,
hat lang kein Auge mehr zur Welt gespiegelt.
Wozu noch ringen mit dem Schein der Dinge,
wozu sich stemmen gegen einen Sturm,
der keinen trägt mit einer lahmen Schwinge
aus all dem Elfenbein in seinem Turm?
Der Tanz der Jahreszeiten wirkt verschwommen
vor ihrer Unbewegtheit, die verblasst,
und alle Tage, die vielleicht noch kommen,
sind ihr Gefängnis nur - und eine Last.
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So bitter, lieber Erich?
Trotz all der schönen Metaphern und Formulierungen, der bestechenden form:
Das Gedicht stimmt mich sehr traurig!
Herzlichen Abendgruß
von
Cyparis
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Hi, Cypi!
Manches Leben endet eben so: In Verbitterung, Versteinerung, Selbstekel. So beschäftigt damit, der Welt die Schuld am eigenen Versagen zuzuschanzen, verlernen diese Leute, alle Schönheit um sich noch wahrzunehmen - sie sehen nur noch das Negative, um ihre eigene Sauertöpfigkeit damit rechtfertigen zu können. Für sie MUSS die Welt schlecht und böse sein, damit sie weiter sagen können, sie hätten sich dem bloß angepasst.
Wenn die Welt allerdings nichts Schönes mehr hat - welchen Sinn hat dann ein Dasein in ihr? Vor allem im Alter, wenn die vordergründigen Sehnsüchte befriedigt sind oder unerfüllt sterben, wird alles rundum zu einer bloßen Kulisse, in der zu spielen man längst verlernt hat. Ich schriebe solch ein Gedicht nicht, spürte ich gewisse diesbezügliche Tendenzen nicht auch in mir selbst - und wenn ich depressiv bin, werden sie nur allzu deutlich!
LG, eKy
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Dann kann ich nur wünschen, daß diese Anwandlungen nicht lange dauern!
Du hast natürlich recht mit all dem, was Du schreibst.
Zum Glück kenne ich solche depressiven Phasen kaum - selten, selten!
Dazu ist in meinen Augen das Leben trotz allem viel zu schön.
Hast Du aus diesem Grund hier nicht die Sonettform gewählt?
Gute Nacht, Lieber!
Cyparis
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Warum ich hier nicht die Sonettform gewählt habe?
Wenn ich schreibe, beginne ich einfach dort, wo ich mich inspiriert fühle und mache dann instinktiv von dort aus weiter. Zu welcher "lyrischen Form" das Werk gerinnt, entscheiden meist mir nicht direkt beim Schreiben zugängliche Hirnbereiche. Hier "wurde" es eben in dieser Form, vielleicht, weil, was ich un- oder nur halb bewusst aussagen wollte, nicht in die Sonettform mit 2 Zeilen weniger gepasst hätte? Vielleicht hat der "autokreative Bereich", der beim Dichten bei mir aktiv ist, auch dabei bloß nicht an ein Sonett gedacht?
Ich habe die seltsame Art von Halbtrance, die mich beim Dichten gefangen nimmt, selbst bis heute nicht so ganz durchschaut. Manches wird eben zum Sonett, anderes nicht. Reim- und metrisches Schema ergeben sich intuitiv mit der ersten Zeile, respektive der ersten Strophe, ebenso gegen Ende die Sonettform. Ich treffe dabei diese Entscheidung nicht geplant oder voll bewusst, es "wird" eben einfach irgendwie. Besser kann ich es nicht beschreiben ...
LG, eKy
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Lieber Erich,
das Gedicht trifft mich gerade in ähnlicher, aber nicht ganz so finsterer Stimmung. Die zweite Strophe hat nur weibliche Kadenzen, eine Unregelmäßigkeit, die mich beim ersten Lesen irritierte, auch klingt das "hatten" etwas neutral, aber das in die Welt spiegelnde Auge ist trefflich.
Sehr schöne Bilder.
Chapeau von gummibaum
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Hi Gum!
:D Ja, oh Adlerauge - damals habe ich noch nicht immer genau aufgepasst mit den Kadenzen, da haben sich solche Unwuchigkeiten eingeschlichen. Ich habe überlegt, ob ich noch eine vorletzte Strophe selbiger Machart einflechten sollte, damit sich die Str. mwmwm abwechseln, indes, das Werk steht so bereits in meinen Büchern ... ::)
Vielen Dank für die freundlichen Zeilen! :)
LG, eKy