die Lyrik-Wiese
Blumenwiesen => Zwischen Rosen und Romantik => Thema gestartet von: Erman am Juli 01, 2013, 22:13:17
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Ein Netz bin ich heute Nacht
an der Wand, ausgeflickt, unbrauchbar und Alt,
während du in den unübersehbaren Ozean strömst,
fern, immer entfernter und ungreifbar.
Teilst du die Wellen oder ergibst du dich ihnen,
weisst du, wohin du schwimmst,
ahnst du die Tiefe der Lasur deiner Wege?
Ich sitze hier, an meinem Ufer,
im Bewusstsein, keine Macht über den Ozean zu haben,
durch den du unbeschützter
und zierlicher Fisch dich windest -
meine entlaufene, verirrte Meerjungfrau.
In der Hoffnung, dass du einmal kommen wirst,
bewahre ich für Dich das gleiche Lied der Fischer,
fast erstickt und unklar, wie ein Omen.
Ich blickte in diesem milden Dämmerschein,
mein eigenes Gesicht im ruhigen Wasser und staunte nicht,
als ich auch das Sternbild Taurus in Richtung Orion sah.
Mit versteinertem Mund im Hafen des Weinens - Fischgesicht,
dennoch reiße ich die Wand des Schweigens nieder
und sende Dir das Lied in der Flasche hinterher.
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Lieber Erman,
Du seltener Freund! -
das ist ein sehr kraftvolles Gedicht!
Ich mußte mich gestern lange besinnen, an wen mich dieser urgewaltige Stil erinnert, aber ich bi endlich draufgekommen:
Hans Henny Jahnn.
Vielleicht willst Du Dich über ihn informieren?
Dein Gedicht finde ich in jedem sinne des Wortes überwältigend.
Herzlichen Gruß
von
Cyparis
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Lieber Erman,
endlich, zu meiner Freude, wieder eines deiner so speziellen und außergewöhnlichen Gedichte!
Du überraschst stets mit neuen fantasievollen Elementen und das macht deine Texte so besonders, deshalb gefallen sie mir auch so gut.
Die letzte Strophe hat es mir ganz besonders angetan, sie ist wunderschön.
Vielleicht gibt es da und dort noch Kleinigkeiten, ganz minimal nur, die noch gefeilt werden könnten.
Aber da du dich bisher schon so sehr gesteigert hast, wirst du sicher über kurz oder lang auch diese Dinge verfeinern.
Ein paar Hinweise:
In S1Z2 wird "alt" klein und in S1Z6 wird "weißt" mit ß geschrieben.
In S3Z1 heißt es richtigerweise "Ich erblickte in diesem milden Dämmerschein..."
Ein überaus berührendes Gedicht!
LG Daisy